Eines vorweg, werte LeserInnen und besonders den skeptischen unter Euch: Dies ist der vorerst letzte Artikel meiner Serie, der sich mit "Unbündischem" beschäftigt. Das ist vorteilhaft für diejenigen, die ohnehin schon die Ansicht äusserten, ich sei in den vergangenen zwei Ausgaben zu weit von den bündischen Lagerfeuern abgeschwiffen und solle mich doch wieder dem "eigenen Terrain" zuwenden und nachteilhaft für mich, der ich mich nun wieder den Untiefen bündischer Selbstdarstellungen widmen muss, aber sei's drum.
Literatur also, noch dazu Literatur im Internet, lautet das Thema unseres heutigen Exkurses. Ein weites Feld könnte man sagen, wenn die Anspielung nicht so plump wäre, also lasse ich es lieber. Eine literarische Anspielung auf "Glatteis" fällt mir gerade nicht ein, schade, denn auf solches begebe ich mich jetzt, denn die Definition von Netzliteratur kann Kriege auslösen in den einschlägigen Newsgroups oder auf den xundachtzig Mailinglisten zum Thema. Nicht "Literatur im Netz", das hatten wir schon (Volltexte etc.), sondern Netzliteratur.
Der zunächst naheliegende Versuch, Netzliteratur ausgehend von den Techniken des Netz zu definieren, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, was weniger am Unvermögen derer liegt, die um eine Definition bemüht sind, als daran, dass viele der Techniken nicht originär sind, also unabhängig vom Internet existieren - multimedialer Text und Hypertext etwa.
Sinnvollerweise nähern wir uns daher einfach direkt der Basis dessen, was Literatur im Allgemeinen ausmacht - dem schier unerschöpflichen Fundus an Erzählungen, Mythen und Märchen aus aller Welt und aus allen Epochen, dessen wir uns bedienen, wenn wir Literatur erschaffen. Denn Netz-Literatur muss zuallererst Literatur, noch mal Literatur und dann erst Netz sein, muss Stringenz besitzen, Kontinuität in Erzählstil, Plot, Sprache und so weiter, kurz: muss die Eigenschaften besitzen, derentwegen wir auch den Gilgamesch-Epos oder die Odyssee, den Simplicissimus oder Tristram Shandy, Fontane, Döblin, Grass oder Arno Schmitt lesen, sie muss uns packen an Geist und Seele und darf uns nicht mehr loslassen, sie muss uns beim Aufstehen im Kopf sein und beim Einschlafen und möglichst auch noch in unsere Träume verfolgen. Auf diesem Hintergrund muss Internet-Literatur entstehen, nicht als reines intellektuelles Konstrukt, als technisches Experiment und sie entsteht auch nicht dadurch, dass Texte minderer Qualität eine technische Glocke übergestülpt bekommen, ein bisschen Sound und Bild und Hie und da ein Hyperlink.
Und hier liegt ein grosses Problem:
So sehr wir das Netz ob seiner Unabhängigkeit, seiner Unkontrollierbarkeit auch schätzen (und das sollten wir, denn die basisdemokratische Struktur ermöglicht es uns allen, ohne Amt, wichtigen Namen oder unmittelbaren Zugriff auf ein auflagenstarkes Medium unsere Meinung zu äußern), dem Netz fehlt, was uns Lesern vielfach mühselige Arbeit abnimmt, die Spreu vom Weizen zu trennen und uns viel Mist erspart, nämlich die Verlage bzw. deren Lektoren, die sich der Qual aussetzen, die zumeist unverlangt und massenhaft eingesandten Vorlagen zu durchforsten und das Veröffentlichbare heraus zu spueren. Dass sie das freilich nicht immer schaffen, das der wirtschaftliche Zwang, dem ein Verleger unterworfen ist, mitunter verhindert, dass Lesenswertes den Weg in die Regale der Buchhändler und in unsere Hände und Hirne findet und dass auch sie menschlichen Schwächen oder atavistischem Massengeschmack auf Irrwege folgen, steht auf einem anderen Blatt.
Fakt ist, dass wer sich zum Schreiben und eben auch zum Veröffentlichen berufen fühlt, sich diesem Regulativ nicht mehr aussetzen muss; er oder sie muss nicht einmal mehr der Mühe aussetzen, seine Werke im Selbstverlag heraus zu bringen oder den Umweg über einen der zweifelhaften "Verlage" wählen, die die AutorInnen für das Verlegen ihrer Bücher zur Kasse bitten, sondern erstellt sich mittels einer der 50-Stunden-Internet-Gratis-Wegwerf-CDs in wenigen Minuten einen account, besorgt sich ein bisschen Plattenplatz bei einem der zahlreichen Kostenlos-Anbieter und packt seine /ihre Ergüsse nach Art des Fernseh-Kochstudios, "mit Pipifax was Tolles zaubern", ins Netz, ein bisschen vorgekautes Seitenlayout dazu und ein bisschen Bunti-Bunti-Blinki-Blinki, dass den Anschein von "Multimedia", was immer das auch sein soll erweckt, und wo sie dann auf ewig der zahllos umherirrenden Leserschaft harren, bis wieder ein Orientierungsloser auf dem Weg durchs Datennirwana auf die Seiten gestolpert kommt, wo die Ergebnisse des VHS-Kurses "Kreatives Schreiben für Legastheniker" zu finden sind. Und wer diese niedrige Hürde genommen hat, bekommt gleich ein weiteres Mittel an die Hand, die Hemmschwelle des Veröffentlichens erneut abzusenken, denn nichts ist einfacher, als dies, zumindest für Otto-Normalnutzer, anonym/pseudonym/xenonym zu tun.
Erschwerend kommt hinzu, dass Techniken, die auf der lokalen Festplatte, so sie denn groß genug und mit dem lokalen Rechner, so er denn schnell genug ist, mangels Bandbreite der Übertragungswege das Internet heute noch überfordern, was manch einen nicht davon abhält, sie in seine Schriften zu implementieren, um den eher schwachen literarischen Part durch einen aufwendigen multimedialen zu verschleiern, bewusst oder unbewusst.
Nun entwickelt sich das Internet aber in rasender Geschwindigkeit und es ist absehbar, dass nicht-originäre Netztechniken, die heute schon auf CD-ROM f unktionieren, bei entsprechender Bandbreite der Übertragungswege auch im Internet funktionieren werden. Es ist nicht allzu utopisch, anzunehmen, dass sich "Internetliteratur", vor allem in ihrer schlechten, oben beschriebenen Form, weiter ausbreiten und funktionierend multimedialer werden wird, dass sie sich mit anderen Kunstformen vermischt, etwa mit (ohnehin häufig genug computeranimierten) Filmen.
Zugleich besteht aber die Hoffnung, dass sich die Literaten unter den Web-Autoren von diesem multimedialen Overkill abwenden und wieder die alten Lieder singen, von Liebe und Hass, Verrat und Tod; dass sie zurückkehren zu den narrativen Strukturen, die nicht von den technische Möglichkeiten abhängen. Naheliegend, dass sich dabei auch neue Genres bilden, indem die Eigenheiten der Netzbewohner ebenso in die Literatur einfließen, wie ihre Sprache.
Und wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass Internet-Literatur weniger mit Technik, als mit Literatur zu tun hat, werden hoffentlich auch diejenigen Autoren das Medium nutzen, die heute noch meinen, dass Literatur ohnehin aus dem Bauch komme und nicht "aus dem PC" und mit ihrer Technikabstinenz kokettieren.
Nicht, dass ich danach trachten würde, mir beim Lesen epischer Werke auf dem Bildschirm die Augen zu ruinieren, aber wer weiss? Vielleicht kann ich mir in absehbarer Zeit den Universaldrucker auf den Schreibtisch stellen, der mir das aus dem Netz gesaugte Stück Literatur nicht nur gestochen scharf aufs Papier zaubert, sondern die losen Blätter auch noch mit einer Bindung versieht, so dass ich das entstandene "Buch" auch auf dem Klo, in der U-Bahn oder im Stau stehend lesen kann.
Das ist alles selbstredend nur *meine* Meinung und in Hinblick auf weitere Entwicklungen höchst spekulativ und da besonders bei der Bewertung "guter" und "schlechter" Literatur erhebliche Divergenzen bestehen, füge ich meinen Artikel eine Liste mehr oder minder willkürlich zusammen gewürfelter aber individuell kommentierter Links hintan, die zu Beispielen aller Arten führen. Allerdings nur für die, die auch über einen Zugang zum Web verfügen, für die anderen unter Euch macht das ja ohnehin keinen Sinn. Die Links finden sich also ab sofort in unmittelbarer Nähe der HTML-Version dieses Textes unter http://www.mullo.de
Anregungen, Beschwerden, Lob und Kritik wie immer an:mullo
Erstveröffentlicht in Stichwort 2/99
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