Ist wenig Platz in dieser Ausgabe, also direkt in medias res und um einiges weniger prosaisch als sonst!
Schon aus Altersgründen an erster Stelle zu nennen, das Project Gutenberg - das älteste und umfangreichste Online-Literaturarchiv, unter http://www.promo.net/pg/. 1971 von Michael Hart in Illinois mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung begonnen, von ständiger Finanznot geplagt, aber inzwischen bei einem Host gelandet, der seine Bezeichnung ernst nimmt. Der freie Zugang zu den Texten, ausschliesslich gemeinfreie englischsprachige Literatur in einfachem 7-Bit-ASCII (also ohne Sonderzeichen), erfolgt über eine Auswahl von ftp- bzw. HTML-Servern, auszuwählen auf http://www.promo.net/pg/index.html.
Da wir gerade bei Gutenberg
sind: 1994 begann Gunther Hille in Hamburg die Digitalisierung gemeinfreier
deutschsprachiger Literatur. Das Archiv http://gutenberg.aol.de/index.htm
zählt zur Zeit mehr als 200 Klassiker von Aesop bis Zola, in summa
mehr als 100.000 Buchseiten, allesamt in HTML und ist frei zugänglich.
Das ganze Archiv ist auch auf CD-Rom erhältlich, der Verkauf soll
helfen, das Projekt fortzusetzen. Die skandinavische Antwort auf das amerikanische
Project Gutenberg heisst Project Runeberg, entsteht seit 1992 und ist beheimatet
an der Universität Linköping. http://www.lysator.liu.se/runeberg/.
Es bietet bisher etwa 250 gemeinfreie schwedische, norwegische und dänische
Texte, so das Gesamtwerk von Selma Lagerlöf. Das Schweizer Gutenberg
heisst Athena http://un2sg1.unige.ch/athena/html/athome.html,
ist an der Uni Genf beheimatet und beinhaltet an die 180 Texte der schweizerischen
und französischen Literatur in französischer Sprache. Besondere
Aufmerksamkeit verdienen die Links, mit deren Hilfe der Benutzer zu über
900 weiteren (französischsprachigen) Texten von mehr als 300 Autoren
geleitet wird http://un2sg1.unige.ch/athena/html/fran_fr.html.
Knapp 100 weitere Schweizer Titel, vorwiegend auf französisch und
deutsch, finden sich unter http://un2sg1.unige.ch/athena/html/swissaut.html
und etwa 300 historische wissenschaftliche Werke, viele davon auf englisch,
unter http://un2sg1.unige.ch/athena/html/sc_txt.html.
Auch in Italien war man nicht untätig, dort gründete der römische
Verein Liber Liber 1995 das nach dem venezianischen Drucker Aldus Manuzius
benannte Progetto Manuzio http://www.liberliber.it.
Die locker wachsende, auf einem Server der Universität Mailand beheimatete
Literatursammlung bietet die meisten seiner rund 380 (italienischen) Texte
als ftp-Dateien, einige jedoch auch webkonform in HTML.
Unter http://www.lib.virginia.edu/wess/etexts.html
findet sich WESS Web (Western European Specialists Section), eine an der
Universität Virginia gehostete und professionell gewartete Link-Liste,
die es ermöglicht, auf einen Blick festzustellen, wo welche Bücher
welcher Autoren in 15 europäischen Sprachen in elektronischer Form
zu finden sind - zu den Sprachen gehören auch katalanisch, galizisch
und provenzalisch, nicht jedoch englisch. Die deutsche Sonderseite http://www.lib.virginia.edu/wess/germtext.html
nimmt sich etwas bescheiden aus; ein paar Werke von Kafka, Morgenstern
und Wieland wurden in Virginia digitalisiert. Die großen Werkausgaben
von Goethe, Nietzsche und Wittgenstein sind leider nur für zahlende
Nutzer zugänglich. Ebenfalls etwas Geld kostet die Digitale Bibliothek
- Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka http://www.digitale-bibliothek.de.
Eigentlich gehört sie auch nicht in diesen Artikel, denn es handelt
sich nicht (!) um ein Web-Text-Archiv, sondern um eine 1997 vom Berliner
Verlag Directmedia Publishing veröffentlichte CD-Rom. Diese bietet
allerdings für akzeptable DM 99,- 56.000 Buch- bzw. 102.000 Bildschirmseiten
Text, nach gemeinfreien Ausgaben per OCR-Texterkennung - Fehlerquote ein
Fehler je drei Seiten Text - in HTML übersetzt, Wort für Wort
durchsuchbar. Im selben Verlag erschienen sind zwischenzeitlich auch zwei
CDRoms mit philosophischen Texten, sowie fünf mit jeweils fast dem
Gesamtwerk von Heine, Goethe, Fontane, Hoffmann und Lessing - jede mit
der entsprechenden Rowohlt-Monographie samt deren Bildmaterial sowie einem
Hörtext und das für jeweils DM 49,90. Anmerkung: Nein, ich habe
nichts mit dem Verlag zu tun, bekomme ( leider) auch keine Sonderkonditionen
oder Rezensionsexemplare!
Ziemlich nüchtern, dafür gratis, daher kommt die Electronic Library http://www.books.com/scripts/default.exe des ersten Online-Buchhändlers der US of A. Das Archiv bietet ungefähr 400 planlos zusammengestellte englische E-Texte von Shakespeare bis Monthy Python, in puristischem ASCII. Ebenfalls etwas merkwürdig erscheint zunächst die Bibliotheca Augustana zur Zeit nicht erreichbar. Sie erscheint nach dem Aufruf im Browser, ist einfach da, ohne sich zu erklären. Zudem gibt es sie ausschliesslich in Latein, eingeschlossen der nützlichen Ratschläge von folgendem Typus: AppleMac et Netscape his paginis optimum visum dant. cave Gatem et Exploratorem! Verantwortlich dafür ist der Professor für Kommunikationsdesign und elektronisches Publizieren an der Fachhochschule Augsburg Ulrich Harsch und die Bibliotheca beinhaltet lateinische Texte von deutlich über 100 Autoren. Viele der Texte finden sich auch im Perseus Project http://www.perseus.tufts.edu/. Es ist mehr als nur Textsammlung und lässt einen Vorgeschmack darauf erkennen, wohin sich digitalisierte Literatur entwickeln könnte, denn das Projekt der Tufts University in Massachusetts stellt aufwendig verlinkte Materialien zum Studium der Antike online zur Verfügung: Nicht nur einen großen Teil antiker griechischer Literatur, rund 300 Texte von Aeschines bis Xenophon, auf griechisch und lateinisch umschrieben auf englisch, sondern auch Bilder, Karten und Nachschlagewerke. Seit einiger Zeit existiert auch eine wachsende lateinische Abteilung und es sollen auch urheberrechtlich geschützte Materialien aufgenommen werden, letztere dann allerdings kostenpflichtig.
Eher ein Fall für Spezialisten dürfte die Bodleian Library http://www.rsl.ox.ac.uk/ sein - die ehrwürdige Bibliothek der Universität Oxford bietet vor allem eine Sammlung keltischer Handschriften, eine Handvoll englischer Zeitschriften des 18. und 19. Jahrhunderts im Volltext, jeweils mindestens zwanzig Jahrgänge, alte Karten und Atlanten, diverse sorgfältig edierte Manuskripte und die Broadside Ballads, volkstümliche englische Balladen als Image-Scans aus alten Büchern.
Völlig unerschwinglich
für die geneigten LeserInnen dürfte das in einem fürchterlich
aufwendigen Verfahren erstellte Archiv des britischen Verlages Chadwyck-Healey
aus Cambridge http://www.chadwyck.co.uk/
sein, der primär für Bibliotheken und Forschungseinrichtungen
publiziert. Das durchaus literarisch verlockende Angebot umfasst neben
den 143 Bänden der Weimarer Goethe-Ausgabe auch die Weimarer Ausgabe
von Luthers Werken und die Nationalausgabe Schillers. Goethe kostet allerdings
(auf CD-Rom) DM 13.000,-, Schiller über 16.000,-, die jährlich
ausserdem anfallende Web-Nutzungsgebühr nicht mitgerechnet. Kleiner
Scherz am Rande also.
Ich könnte noch ein
paar Dutzend weiterer Quellen aufführen, beschränke mich zu guter
Letzt aber mit dem Hinweis auf das weithin bekannte Yahoo!, welches eigentlich
eher nebenbei zu einer der meistbenutzten Suchmaschinen im Web avancierte.
Originär handelt es sich um ein hervorragend organisiertes Webverzeichnis.
Die englische Version http://www.yahoo.com/
bietet unter der Rubrik Arts, Unterrubrik Humanities, Unterrubrik Literature
weit mehr als 7000 weiter sinnvoll gegliederte literarische Links, darunter
auch zu (englischen) E-Text-Archiven. Die deutsche Version ist etwas bescheidener
und bietet in der selben Rubrik mehr als 2000 Links, von denen jedoch rund
drei Viertel auf einzelne E-Texte verweisen http://www.yahoo.de/
Kunst_und_Kultur/Literatur/.
So Leute, für die "eigentliche, wirkliche, wahre Netzliteratur" bleibt schon wieder kein Platz - aber, nicht verzagen, das nächste STICHWORT kommt bestimmt. Vielleicht berichte ich dann auch irgendwann noch über die tendentiell jugendbewegungsrelevanten Newsgroups, jedenfalls hatte ich das vor Zeiten einmal angekündigt. Allein - seit ich diese Nachrichtenbretter regelmässig lese, ist das Geschehen dort derartig langweilig, dass es mir unmoeglich scheint, auch nur eine sinnvolle Zeile darueber abzusetzen. Sorry.
Erstveröffentlicht in Stichwort 1/99
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