Virtuelle Lagerfeuer V:
 

Den einen jagt die Erwähnung der drei Worte wohlige Schauer einer unbestimmten Vorfreude über den Rücken, die anderen lässt der Gedanke daran frösteln - Literatur im Netz.

Zunächst gilt es, zwei Dinge grundsätzlich zu unterscheiden, die Verwechslungsgefahr ist nämlich reichlich groß: Literatur-im-Netz, das ist nichts neues, sondern normaler Text, wie er seit jeher etwa in Büchern oder Zeitschriften stand, nur dass er eben jetzt nicht auf dem Papiere, sondern online zu lesen ist - Elektrotext also.

Es gibt ihn schon und täglich wächst die Menge der online verfügbaren (Voll)-Texte und ihrer Beschreibungen in einem schwer überschaubaren Maße, so schwer er denn zu finden ist, wenn man ihn gezielt sucht, einen unzweifelhaften Nutzen hat er doch: er ist überall und jederzeit verfügbar, jedenfalls dort, wo ein dem Netz angeschlossener Computer zugänglich ist, er lässt sich leicht erschließen und die Speicherkapazität ist unbegrenzt.

Die unausweichlichen Fragen Ist alles, was jetzt auf Papier erscheint in Kürze nur noch auf einem Bildschirm zu lesen? und Wird es bald die allumfassende virtuelle Weltbibliothek geben?, weil „dem Computer" ganze Bibliotheken Stück für Stück verfüttert werden, sind aber tendentiell mit Nein zu beantworten.

Die Vision, alles jemals Veröffentlichte könne in absehbarer Zeit als elektrische Impulsfolge in Lichtgeschwindigkeit von entsprechenden Servern auf den heimischen PC gesaugt werden, ist zwar schon einige Jahrzehnte alt, wird aber voraussichtlich Fiktion bleiben; auch dann, wenn der vermutlich größte Teil dessen, was die Menschheit sich in Zukunft in verschriftlichter Form übermittelt entweder digital verarbeitet und verbreitet oder zumindest aufbewahrt wird. Denn dies gilt nur für die „Zukunft", nicht aber für die Vergangenheit - und dafür gibt es drei Gründe:

1.  Geld. Jede technische Ausrüstung ist bereits nach einem Tag veraltet, vernünftigerweise muss davon ausgegangen werden, dass die Computertechnik, etwa einer Bibliothek, nach drei bis fünf Jahren komplett auszutauschen ist. Das können und wollen  sich aber die wenigsten Bibliotheken leisten, da die Techniketats letztlich von den ohnehin stagnierenden oder sinkenden Etats für die Anschaffung neuer Bücher abgezweigt werden müssen

2. Geld. Der Transport von Daten durch die Netze ist natürlich nicht umsonst.

3.  Geld. Alles Gedruckte und nicht zuvor in digitaler Form bearbeitete müsste nachträglich  digitalisiert werden, die Kosten hierfür sind immens:

Den eigentlichen Prozess des Digitalisierens, also das Einscannen einer Seite als Text oder als Bilddatei besorgt zwar eine Maschine, diese muss jedoch beaufsichtigt und kontrolliert werden, wenn das Ergebnis mit dem Urtext übereinstimmen soll - im Falle des Textscannens heisst dies vor allem Korrekturlesen, im Falle des Bildscannens Erschließung (es muss „von Hand" beschrieben werden, was dort eigentlich gescannt und abgespeichert wurde). Die Kosten dafür betragen pro Seite etwa DM 10,-. Legen wir nun zugrunde, dass eine kleinere deutsche Universitätsbibliothek über einen Bestand von einer Million Büchern mit rund zweihundertfünfzig Millionen Seiten verfügt, ergäbe die vollständige Digitalisierung nur dieser einen Bibliothek einen Betrag von 2,5 Milliarden Mark. Das dürfte in etwa dem tausendfachen eines jährlichen Beschaffungsetats entsprechen, oder anders ausgedrückt, die Bibliothek wäre, bei gleichbleibendem Etat, die nächsten tausend Jahre nicht in der Lage, Neuanschaffungen zu tätigen. Selbst wenn wir dem berechtigten Einwand Rechnung tragen, dass es ja ausreiche, jeden Titel weltweit nur einmal zu digitalisieren und ins Netz zu stellen, und wir deshalb vermuten, dass aus den Beständen unserer Beispielbibliothek nur jedes hundertste Buch digitalisiert werden müsste, erreichen wir immer noch mehr als acht Jahresetats.

Mag also sein, dass es in ferner, ferner Zukunft einmal eine Virtuelle Weltbibliothek geben wird, darauf warten sollten wir nicht unbedingt.

Und warum auch? Welchen Sinn würde diese virtuelle Weltbibliothek machen? Schätzungsweise nur jedes zwanzigste Buch in einer öffentlichen Bibliothek wird jemals ganz gelesen, Bibliotheken sind schliesslich nicht dazu da, dass alle dort stehenden Bücher gelesen werden, sondern dass alle dort stehenden Bücher gelesen werden können, also reicht es völlig, zu wissen, wo welches Buch zu finden ist. Nicht die Bücher gehören ergo ins Netz, sondern die Kataloge und Bibliographien!

Deshalb widmen wir uns zunächst ein wenig den Katalogen, erfahren, was es schon gibt und wo die Entwicklung hingeht, bevor wir uns im nächsten stichwort den Volltexten und der eigentlichen Web-Literatur zuwenden.

Wer heute in einer größeren wissenschaftlichen Bibliothek arbeiten möchte, muss ohnehin wissen, was ein OPAC ist, ein Online Public Access Catalogue nämlich, und wie man damit arbeitet, sonst wird er hoffnungslos verloren sein. Zwar besitzen noch längst nicht alle Bibliotheken weltweit einen OPAC, die gigantischen russischen Staatsbibliotheken in Moskau und St. Petersburg etwa wird man auf absehbare Zeit ebenso vergeblich suchen wie die Berliner Staatsbibliothek, mit ihrem Bestand von neun Millionen Büchern wohl die einzige deutsche, die in der Oberliga der Bibliotheken mitspielt; viele Einrichtungen haben aber bereits in den frühen siebziger Jahren damit begonnen ihre Bestände elektronisch zu erfassen  und immer mehr unterziehen sich auch der Aufgabe, ihre bis dahin angelegten Zettelkästen Datensatz für Datensatz rückwirkend zu entmaterialisieren, wenngleich auch dies eine Kostenfrage ist, denn die Erstellung eines brauchbaren Datensatzes schlägt mit etwa sieben Mark zu Buche - vorausgesetzt, es ist dazu keine Autopsie nötig, eine Augenscheinnahme des betreffenden Titels, die den Satz auf ein Mehrfaches erhöht.

Das Netz nun bietet mir schon jetzt die Möglichkeit, vom heimischen Rechner beispielsweise auf Libweb http://sunSITE.berkeley.edu/Libweb/ zuzugreifen, ein Verzeichnis der Universität Kalifornien, von dem ich mich in jeden existenten OPAC einklicken kann, egal ob es sich um einen amerikanischen, europäischen oder asiatischen handelt, um zu erfahren, wo welches Buch zu finden ist.

Und es scheint ein immenser Bedarf für die elektronische Fernrecherche zu bestehen: alleine die amerikanische Library of Congress http://lcweb.loc.gov/ etwa hatte, als sie ihren Katalog 1995 ins Netz stellte, 12.000 virtuelle Besucher täglich, heute sind es derer 700.000.

Die seit 1946 alle deutschsprachigen Veröffentlichungen sammelnde Deutsche Bibliothek http://www.ddb.de in Frankfurt am Main hat inzwischen ihren Gesamtkatalog ins Netz gestellt, die seit 1990 institutionell mit ihr verbundene Deutsche Bibliothek telnet://tamino.ddb.de in Leipzig, seit 1913 Veröffentlichungen anhäufend, schon etwa ein Drittel.

Die Kataloge der Deutschen Bibliothek bieten mir neben der bloßen Existenz- bzw. Standortbestimmung einen weiteren wertvollen Dienst, sie sind nämlich zusätzlich verschlagwortet, der OPAC dient also zugleich als riesiger Schlagwortkatalog und ich kann mit wenigen Eingaben feststellen, welche Publikationen zu welchem Thema dort verfügbar sind.

Da es nun aber nicht unbedingt befriedigend ist zu wissen, was in Frankfurt oder Leipzig, ohnehin unausleihbar, vorhanden ist, trachte ich danach festzustellen, in welchen anderen Bibliotheken das gesuchte Buch noch vorhanden ist. Zu meinem großen Glück haben sich schon vor Jahren die wichtigsten wissenschaftlichen Bibliotheken zu regionalen Verbunden zusammen geschlossen und diese Verbunde kann ich über einen einzigen Webplatz abfragen, der mich zu allen OPACs und damit zu rund fünfzig Millionen Buchtiteln weiterleitet - den Karlsruher Virtuellen Katalog http://www.ubka.uni-karlsruhe.de/hylib/kvk_help.html.

Besonders interessant ist es natürlich, zu erfahren, wo welche Jahrgänge welcher Fachzeitschriften gelagert sind (von bestimmten Zeitschriften gibt es eben im gesamten Bundesgebiet nur wenige Exemplare). Zu diesem Zweck wende ich mich an die Zeitschriftendatenbank http://www.dbilink.de/ des Deutschen Biblioheksinstituts in Berlin, in der etwa eine Million Zeitschriften aus 3000 deutschen Bibliotheken abzufragen sind. Darüber hinaus bietet mir das DBI mit SUBITO: http://www.subito-doc.de die Möglichkeit, beliebige Aufsätze aus beliebigen Fachzeitschriften von derzeit 18 Bibliotheken online zu bestellen; die Lieferung erfolgt dann binnen drei Tagen per Fax, Elektropost oder Brief, kostet allerdings zwischen fünf und zehn Mark pro zwanzig Seiten.

Bevor wir unseren kleinen Ausflug in die Recherchewelt der Bibliotheken beenden, bleibt noch festzuhalten, dass die vollständige Erschließung bibliothekarischer Bestände in zweierlei Hinsicht längst nicht komplett ist und das liegt, wir erraten´s schon, wieder am Mangel finanzieller Mittel: Einerseits sind, wie bereits erwähnt, nicht alle Bibliotheken in der Lage, ihre existierenden Zettelkästen in OPACs umzuwandeln, andererseits hapert es auch noch an der Erschließung in die Tiefe. Dass ein Buch nicht im OPAC einer Bibliothek zu finden ist, heisst nicht, dass es nicht in der Bibliothek zu finden wäre. Besonders anfällig für solche Lücken sind Bibliotheken, deren Bestände in Haupt-, Fach- und Unterbibliotheken verstreut sind, Universitätsbibliotheken etwa.

Weit vorangeschritten ist inzwischen die Erfassung kommerziell lieferbarer Bücher, da gibt es, um nur ein paar Beispiele anzuführen, einerseits die Kataloge der großen Barsortimente wie Koch, Neff & Oettinger http://www.buchkatalog.de oder LIBRI http://www.libri.de, bei denen auch direkt bestellt werden kann, andererseits Bestandskataloge „virtueller" Buchhandlungen wie amazon http://www.amazon.de und http://www.amazon.com oder der traditionsreichen Ossiander´schen Buchhandlung in Tübingen http://www.osiander.de, aber natürlich auch das Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB) unter http://www.buchhandel.de. Selbst dem Sammler antiquarischer Bücher bieten sich inzwischen recht angenehme Recherchemöglichkeiten - deren umfangreichste dürfte derzeit das ZVAB sein, das stetig anwachsende Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher, in das zur Zeit rund 100 Antiquariate im deutschsprachigen Raum zumindest einen Teil ihrer Lagerlisten einspeisen  http://www.zvab.de .

Bevor nun das Geschrei nach dem mangelnden „bündischen" Bezug anhebt, möchte ich noch auf eine frische Webseite hinweisen: Nicht nur drollig anzuschauen, sondern auch noch informativ ist  http://avalon.fh-worms.de:90/Imker/SEITE1/Imkerseite.html. Die Saarpfälzer BdP´lerInnen berichten dort und auf den Folgeseiten über ihre stammeseigene Bienenzucht und Honigproduktion, die mittlerweile in Folge zweier extrem kalter Winter leider wieder aufgegeben werden musste.

mullo

P.S.: Eigentlich liegt es ja schon lange nah, jetzt ist´s endlich soweit - die Virtuellen Welten gibt´s auch im WWW. Und zwar alle Ausgaben mit regelmässig aktualisierten Links, gelegentlichen Updates und anderem mehr. Die Adresse lautet http://mullo.de

Erstveröffentlicht in Stichwort 3/98

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