Jüngst sah ich einen Mann beim Schnapse sitzen. Nichts ungewöhnliches, sollte man meinen. Ich saß jedoch nicht in einer Kneipe, sondern zuhause an meinem Bildschirm und er in einem Pub in Belfast. Auf einer Mailingliste, die sich, äusserst ruppig und kontrovers, mit dem Thema Nordirland auseinandersetzt, hatte jemand ein Treffen vorgeschlagen, für alle, die diesen Sommer irgendwie nach Belfast kommen könnten, und gleich einen Treffpunkt empfohlen http://www.belfasttelegraph.co.uk/crown/remote.html - keinen geeigneten allerdings, denn ein Republikaner, noch dazu einer, der aus seiner Einstellung keinen Hehl macht, würde niemals einen Fuß in die „Crown Bar" setzen, die sich zwar auf neutralem, innerstädtischen Terrain befindet, jedoch als Heimstadt des loyalistischen Establishments gilt.
Soweit, dass ich einem VCPler auf dessen Bundeslager beim Trinken hätte zusehen können, kam es (leider) nicht, obwohl das Lager seine eigene Webseite hatte http://www.vcp.de/bundeslager/ . Dort gibt es das obligate Gästebuch ebenso wie eine Menge technischer und inhaltlicher Details, Lagerlieder, ein BuLa-Lexikon und eine Menge weiteren Schnisckschnacks, der in absehbarer Zeit auch auf CDRom gepresst und verkauft werden soll. Die Startseite gibt’s freundlicherweise übrigens auch in Fremdsprachen, darunter C++, klingonisch und schwäbisch.
Schon mal darüber nachgedacht, wie groß das Risiko ist, beraubt, vergewaltigt oder gar ermordet zu werden? Nein? Bei der Polizei von Nashville/Tennesee http://www.nashville.net/~police/risk/murder.html lässt sich das herausfinden. Nun sind die dort zu beantwortenden Fragen zwar auf AmerikanerInnen zugeschnitten, welche/r Deutsche hat schon eine oder mehrere geladene Waffen zu Hause, dafür kann unsereins punkten, wenn es darum geht, auf schnelle Hilfe durch die Männer in Grün zu setzen - der Durschnittsami muss darauf wohl wesentlicher länger warten, beachtet man die Antwortmöglichkeiten. Und da wir gerade beim Thema Sicherheit sind, noch ein paar weitere hilfreiche Webseiten, für alle, die einer „Sven-Hedin-Fahrt" nur noch ein müdes Lächeln abringen. Mit „Fielding´s Danger Finder" http://www.fieldingtravel.com/df/index.htm kann man sich nicht nur die übelsten Ecken der Welt heraussuchen, sondern findet auch Überlebenstips und, mit etwas Glück, Reisepartner für den Trip in die Hölle. Wenn’s schiefgeht sollte man sich allerdings nicht auf „Real World Rescue" verlassen, die bieten eben keine Rettung, sondern nur Training http://www.realworldrescue.com/ . Für die Rettung sind dann vermutlich Firmen wie „Control Risks" zuständig http://www.crg.com/, oder besser direkt „Executive Outcome" - diese lassen sich auch für Staatsstreiche anheuern. Die Webseite ist allerdings nicht sehenswert, sagen wir „schlicht" gestaltet und deutet auch nur an, welche Dienstleistung hier zu erwerben ist.
Nun aber zurück in den
eigenen Dunstkreis: „Sich fügen, heißt lügen" klingt wie
ein Beitrag zu Bundestagswahl, ist es aber nicht. Diese Textzeile von Erich
Mühsam ist der Titel der CD der Gruppe „Dreyheit". Wer sie noch nicht
kennt, sollte sie schleunigst kennenlernen
http://www.folk.de/dreyheit/index.htm
, denn die Scheibe bietet neben zwei bereits bekannten Theodor-Kramer-Vertonungen
von E. Schmeckenbecher und zweier Stücke von Georg Danzer, acht eigene
Vertonungen von Gedichten Erich Mühsams. Angemessen instrumentiert,
gesanglich nicht unbedingt virtuos, aber solide, bietet die CD angenehm
mehr als das meiste, das aus bündisch durchsetzten Gruppen an Gezupfe
oder Geschrammel auf Band kopiert oder CD gepresst wird. Zumal das Schaffen
Mühsams gerade heute mehr Gehör verdient.
Auf einer meiner routinemäßigen Websuchen zum Thema Jugendbewegung, stieß ich, neben vielem anderen, was mir in unserem Zusammenhang weniger erwähnenswert scheint - etwa http://www.gurulogic.com/jugendbewegung/index.shtml, schaut´s euch ruhig an, aber erwartet nichts originär „jugendbewegtes" in unserem Sinne - auf zwei Seiten, die deshalb Beachtung verdienen, weil deren Autoren unseren Kosmos von aussen beleuchten, es sich mithin um „Nicht-Bündische" handelt. Zum einen ist da Almut http://www.techem.ruhr-uni-bochum.de/almut/, die an der Ruhr-Uni Bochum im Bereich Erziehungswissenschaften promoviert. Abgesehen davon, dass ihre Seiten ganz angenehm zu betrachten sind (und sie auch noch verrät, wie sie die gemacht hat; wo verrat´ ich aber nicht...) und man eine ganze Menge über sie selbst, ihre Hobbys und anderes erfahren kann (Besonderer Tip: die Comics und hier wiederum der Witz mit dem Elch), skizziert sie auch ihr, von der Graduiertenförderung des Landes NRW gefördertes, Promotionsprojekt im Bereich „Geschichte der Jugend" http://www.techem.ruhr-uni-bochum.de/almut/wyneken1.html
Die zweite Seite, die mir auffiel, ist die von Winfried Hartwig aus Berlin http://www.snafu.de/~hartwig/wfd/index.htm. Durch die Beschäftigung mit seinem Großvater, Emil Karl Hartwig, Reichstagsabgeordneter bis 1932, den er nicht mehr kennenlernen konnte, geriet er an die Jugendbewegung und durchforscht seither das Web nach Verschriftlichtem; seine Funde stellt er teilweise auf seine Seiten bzw. gibt Links dazu an.
Beide sind sicherlich für Anmerkungen zu ihrer Arbeit ebenso dankbar, wie für Hinweise auf (weitergehende) Literatur - was nicht heißt, dass ihr sie nun permanent mit euren eigenen Ansichten zutexten sollt!
Erstveröffentlicht in Stichwort 3/98
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