Was Mailinglisten sind, hatten wir ja bereits geklärt, wer’s nicht begriffen hat, kann hier nachsehen: http://hsw-serv.hs-wismar.de/reczen/email/listmail.html. Aber was passiert, nachdem ich eine dieser Liste abonniert habe? Entwerfen wir ein Szenario:
Der ahnungslose und unvoreingenommene Mensch abonniert eine Mailingliste und sieht sich bei der nächsten ahnungslosen Abfrage seiner Elektropost wenige Tage später einer Schwemme von hunderten Mails gegenüber, in denen sich ihm völlige Unbekannte hemmungslos und hingebungsvoll die Köpfe darüber heiss reden, wie eine Kohte denn nun wirklich aufgebaut werden sollte. Da gibt es grob gesagt drei Gruppen, zunächst jugendpflegerisch Geprägte, die entweder gar nicht wissen was eine Kohte überhaupt ist, oder, die Kenntnis vorausgesetzt, den Rundzelten den Vorzug geben, weil die wirklich regendicht sind, auf ihren Zeltlagern ohnehin kein Feuer gemacht wird - wozu auch, es gibt ja Küchenzelte - und das Gruppenzelt nicht getragen werden muss, da es von einer vorauseilenden Zeltaufbaumannschaft per LKW transportiert und aufgebaut wird.
Dann gibt es die Jünger der Aussenstangen, die ihre Kohten „schon immer" so aufgebaut haben und gar nicht verstehen können, wie jemand durch Innenstangen den wertvollen Platz in einer Kohte verschenken kann, zumal die Kohte mit Aussenstangen doch viiiieeeel besser steht Die dritte Fraktion schliesslich stellt die Kohte mit Innenstangen auf, ist aber uneins in der Frage, ob das Kreuz gebunden wird oder nicht und ob die Kohte aufgehängt wird oder hochgedrückt. Und weil alle von ihrer jeweiligen Art des Aufbaus überzeugt sind, gibt es sowohl ellenlange physikalische Grundsatzerklärungen (Zitat: „Die ausgelenkten Kohtenstangen (aussen) werden durch Wirbelfelder hinter dem Rundprofil (Karmansche Wirbelströme) zu Schwingungen der Zugkraft führen...."), eher fundamentalistische Äusserungen („... wie jeder weiss, baute schon tusk kohten nur mit innenstangen auf...") und gänzlich planlose („Ich glaub´ mir wird ganz übel..." oder „Kohten sind einfach KULTIG!").
Als wäre dies nicht
genug, gibt es noch Nebendiskussionen über Sinn und Unsinn von Plastikhäringen,
roten Kohten, Kohtenbemalungen, Randstreifen, unterschiedlichen Kohtenmaßen
und -gewichten, der Notwendigkeit von Gaskühlschränken auf Zeltlagern,
die Definition von Erdkohten etc. pp.
Ähnlich kontrovers
und umfangreich wird bzw. wurde in der Vergangenheit diskutiert über:
die politische Ausrichtung großer katholischer Pfadfinderverbände
bzw. derer Verbandsführungen (einmal rechts, einmal links), ausserterritoriale
Einsätze der Bundeswehr, einen Singewettstreit im südostdeutschen
Raum, die Bedeutung des Pfadfindergrußes, die (Wieder)-einführung
von „Zitronenpressen", und ähnliches.
Alle oben geschilderten Vorgänge beziehen sich auf die „Münsteraner Liste" und Chronistenpflicht ist es, zu erwähnen, dass ich selbst mich an einigen der kontroversen Diskussionen engagiert beteiligte, mithin mein Scherflein beitrug zur Masse an Mails.
Das Mail-Aufkommen der „DPSG-Liste" liegt deutlich niedriger; ein Gutteil der topics sind naturgemäss eher DPSG-interner Natur, dennoch werden hier natürlich auch Themen des allgemeinen Interesses behandelt, zumal die Abonnenten vielfach auch auf anderen Listen zu finden sind. Ein besonderes Schätzlein der Kategorie Kurioses möchte ich euch nicht vorenthalten - Mitte März tauchte unter dem thread „leathershorts" folgende Nachricht auf der Liste auf:
„Gerne hätte ich Kontakte mit 10, 12 bis 14jährige Jugendliche gehabt die die kurze Lederhose noch tragen sollen. Selbst bin ich ein 13jährige Pfadfinderführer (entschuldigung am 17. März '98 bin ich 14) und trage gerne eine dunkle Glattlederhose. Auch nicht-Pfadis und die ältere Humus möchte mir gerne schreiben. Können wir eine Jugend-Lederhosenlobby ausbauen ! Gut Pfad !"
Ein Schelm, wer böses
dabei denkt - eine Anzahl Leser verschriftlichte ihre Bedenken über
den Inhalt dieser Nachricht, der Tenor war klar. Der Autor meldete sich
erneut, beharrte empört darauf, tatsächlich erst 14 zu sein,
eine leathershort-Lobby aufbauen zu wollen, lud alle Zweifler zu einem
Treffen des „Untermerzbacher Kreises" ein und erklärte, „ältere
Humus" seien nicht etwa „ältere Homos", sondern der Humus der gestandenen
Pfadfinder, den die Jungen zum wachsen benötigten...
Auf der Pfadfinderliste
der pbs, der Schweizer Pfadibewegung, tauchte jüngst folgende Suchanfrage
auf:
„Hallo zusammen, ich suche ein elektronisches Marschzeitberechnungsformular in Excel oder ähnliches möglichst mit Höhenprofil."
Dem Pfadi konnte geholfen werden, ein anderer antwortete:
„In Zusammenarbeit mit dem Bundesamt fuer Landestopographie ist kuerzlich ein Programm entstanden, das Marschzeiten aufgrund von Wegangaben auf digitalisierten Kartenauschnitten errechnet und Hoehenprofile erstellt. Auch koennen Angaben über kulturelle Sehenswuerdigkeiten entlang des Weges erfragt werden." - Na, wenn das nichts ist!
Der unbedarfte Neu-Listling
wird nun entweder sehr viel Zeit auf das Mit-Diskutieren und beantworten
von Mails verwenden, oder die Liste umgehend wieder verlassen.
Oder aber er wird zum „Lurker".
Das sind Menschen, die Listen abonnieren und lesen, Informationen sammeln
und aber sich nicht selbst beteiligen. Unter den Lurkern wiederum gibt
es eine ganz besondere Gruppe, die Nörgler. Abonnieren Listen, um
„Geheimtips" über gute Zeltplätze und ähnliche harte Fakten
zu bekommen, denn auch die gibt es - man muss sie nur Trüffeln gleich
aufspüren - tragen nichts, aber auch gar nichts zur Liste bei, aber
beschweren sich von Zeit zu Zeit darüber, zu viel Elektropost zu bekommen....
Die meisten Mailinglisten verfügen übrigens über eine Webseite, auf der auch die sogenannten „faq´s" zu finden sind. Es empfiehlt sich diese Seiten zu betrachten, dort finden sich nämlich nicht nur Informationen zu „subscribe" bzw. „unsubscribe" (dem abonnieren bzw. abbestellen) einer Liste, sondern auch solche über die Eigenarten des Forums und „frequently asked questions", Fragen also, die immer wieder an die Liste gestellt werden und dem neugierigen Frager (speziell dem Listenneuling) die schroffe Antwort „Ask the fucking faq" einbringen könnten. Beispiel: Anfrage an die Banjo-Liste: „What exactly is a banjo?" Sonst noch Fragen?
Ebenfalls per e-mail versandt werden sogenannte „news-letter" und an dieser Stelle verlassen wir einmal den bündischen Kosmos: Newsletter sind e-mail-Nachrichten, die in regelmässigen Abständen von einem Zentralrechner etwa einer Zeitung, einer Nachrichtenagentur oder einer Firma versandt werden. Einen interessanten Service hierzu bietet die ZEIT, den Newsletter-Kiosk: http://win.bda.de/bda/int/zeit/kiosk/ Im Kiosk erhältlich ist eine Auswahl deutschsprachiger Newsletter von den Nachrichten der dpa, über Börsennachrichten und Neuigkeiten aus den Naturwissenschaften bis hin zur Reihe „Was die Großmutter noch wusste..." des Südwestfunks. Der Kiosk bietet den Vorteil, dass alle dort angebotenen Dienste nicht nur kostenlos sind, sondern auch zentral verwaltet werden. Wer beispielsweise in Urlaub fährt, kann seine Newsletter auch zentral abbestellen und muss nicht befürchten, nach der Rückkehr von Tausenden Nachrichten überschwemmt zu werden. Bündische Newsletter sind mir zur Zeit keine bekannt, ich lasse mich aber gerne eines Besseren belehren und bitte ggf. um Nachricht.
Damit dieser Artikel nicht so trocken endet, wie er begonnen hat, hier noch ein paar lustige, informative und obskure Links, bündisch oder nicht:
http://www.fh-furtwangen.de/˜wolf/events/lkohte.html - Kohten einmal anders, mit Aussen- und Innenzelt und Klettverschluss-Feueröffnung im Boden (!)
http://w3.execnet.com/ilink/smiley.html - Das Nachschlagewerk der Smiley´s, jener auf Listen und in e-mails gerne verwendeten Satzzeichengesichter („emoticons")
http://www.dsnet.de/muschelhaufen/ - Die „Muschelhaufen-Seite" von mac (Erik Martin), Waldjugend. Einziges Manko: Der Bestellschein muss ausgedruckt und per Schneckenpost versandt werden
http://www.salonmagazine.com/april97/wanderlust/uzbekistan970429.html - Wanderlust/Uzbekistan Lowtech, das etwas andere und doch eines der besten „Reisemagazine" im Web.
http://www.ccd-promotion.de/800X600/Index.HTML - Ihr sucht für euer nächstes Geländespiel einen Panzer? Alles eine Preisfrage..
http://www.bucknel.edu/˜rbeard/diction.html - Ihr sucht ein Wörterbuch für Bantu, Navajo oder Gbari? Hier gibt’s auch das! Weiss jemand, wo die Menschen Üqoi oder Warlpiri sprechen?
Erstveröffentlicht in Stichwort 2/98
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