Virtuelle Welten - Teil II:
 

Ich habe eine Homepage, also bin ich. Mein Bund hat eine Homepage, also ist er. Ist er? Wo? Ist er nicht, wenn er keine Homepage hat?

Die Einrichtung bündischer und pfadfinderischer Homepages scheint mittlerweile eine Prestigefrage geworden zu sein. Das Netz ist die Zukunft, und da will keiner am Rande stehen. Zu dem Schluss kann jede/r kommen, der/die die Seiten einem Vergleich unterzieht und dabei feststellt, dass die Unterschiede  eher peripher sind, sieht mensch einmal von den unterschiedlichen Bundes- und Verbandsnamen ab. Was weitgehend fehlt, ist eine, sagen wir virtuelle Avantgarde. Menschen, die sensibler mit gestalterischen Elementen umgehen und nicht nach der Maxime verfahren, Hauptsache bunt, bewegt und voll.

Da gibt es immer wieder die selben zappelnden Bauarbeiter-Logos, die dem Besucher vorgaukeln sollen, die Seite befinde sich in ständigem Um- und Weiterbau, auch wenn sie monatelang völlig unverändert bleibt. Dann gibt es sich drehende oder statische Lilien aller Arten zuhauf, laufende Schriftenbänder mit kryptischen Texten, Fotos, zumeist fahrten-typischer Art ohne erklärende Bildunterschriften, die ewig gleichen Linklisten, nahezu inhaltsgleiche Selbstdarstellungen und haufenweise Lebensläufe von Baden-Powell. Es macht übrigens kaum einen Unterschied, ob die Seiten von hauptamtlichen MitarbeiterInnen der Großverbände oder kleinen Gruppen gestaltet und betreut werden.

Und doch gibt es Seiten, die zeigen, dass Selbstdarstellung, Information und Unterhaltung mit einem Quäntchen mehr an Fantasie die ausgetretenen Pfade verlassen kann. Ein Beispiel hierfür bietet die deutsche jungenschaft auf ihrerHomepage http://www.heidenet.de/VEREINE/jungenschaft/. Die Beschriftung der Startseite in rosa, hellgrün und gelb (schlecht, da auf weissem Hintergrund) mag Geschmackssache sein, die Benutzerführung ist jedoch übersichtlich und verweist u.a. auf einen umfangreichen historischen Abriss zur Vor- und Nachkriegsgeschichte der Jungenschaften, eine ausführliche Literaturliste zum Thema und die Kontaktadressen der regionalen Gruppen.

Seit dem 19.12.1997 offiziell im Netz ist der Server von RdP und RDP (Ring deutscher Pfadfinderverbände bzw. Ring Deutscher Pfadfinderinnenverbände) - vorher war er allerdings schon als ScoutNet-Server online, was erklärt, warum der Zähler, - es sei einmal dahingestellt, wozu Zähler gut sind und was sie wirklich anzeigen -, bereits am 22. 12 mehr als 14.000 Aufrufe der Startseite http://www.pfadfinder.net/ vermeldete. Die Seiten sind erfreulich übersichtlich aufgebaut, farblich neutral und es fehlt an überflüssigem Schnickschnack. Neben mancherlei von anderen Seiten Bekanntem (Kochrezepte, Lieder, Selbstdarstellungen), gibt es auch wirkliche Innovation: Besonders gelungen sind m. E. die animierten Knoten! Wem also, wie mir, das räumliche Vorstellungsvermögen fehlt, das nötig ist, verwirrende Knoten nachzuvollziehen und über einen aktuellen Browser verfügt, der animierte GIFs lesen kann, ist in der Lage, komplizierteste Knoten wie „Lange Trompete" und „Doppelter Hinterstich" quasi als Zeichentrickfilm in ihrer Entstehung zu betrachten.

Das Netz ist aber auch nicht nur Informations- und Präsentationsbörse, sondern auch ein El Dorado für Gerüchte, Verdächtigungen und Verschwörungstheorien. Zahllose (nichtbündische) Seiten berichten über schwarze Hubschrauber, die nächtens über Amerika auftauchen, von Gruppierungen wie den Illuminaten oder über Geheimdienstkomplotte gegen Ex-Prinzessinen. Verschwörungstheorien ganz eigener Art präsentiert Cogito http://www.argonsoft.de/~cogito/. Diese Netzversion wird, wie die zu Grunde liegende Printausgabe, ausschliesslich von Angehörigen des im vergangenen Jahr in die Schlagzeilen geratenen Pfadfinderbund Süd (PBS) erstellt und deshalb beschäftigt sich Cogito in einer Sprache, denn auch zu einem Großteil mit den „Schmutzkampagnen der Lügenpresse", mit "Hetzkampagnen" und "Rufmord".

Da werden, von anonymen Autoren, "wahrheitsverbiegende" Journalisten, Richter, Polizisten, Staatsanwälte namentlich angeprangert, unter der Überschrift „Die alltägliche Verfolgung" werden der PBS (und die Schwarzen Adler, die KPE, der Komm-Mit-Kalender und die neu-rechte Junge Freiheit) in Scientologen-Manier als "Verfolgte" dargestellt, da werden Kampagnen aufgedeckt, in denen die "Hetzpresse" (verschiedene ARD-Anstalten, diverse Zeitungen und Magazine) generalstabmässig zu Felde ziehen, um diejenigen zu verleumden, die "noch Prinzipien haben".

Diesem Duktus folgend publiziert Cogito denn auch pseudowissenschaftliche Abhandlungen über den "Wertezerfall in unserer Gesellschaft", der mit der "Sexwelle" begonnen habe und stringent über die "Freigabe der Pornografie" und die gesellschaftliche Akzeptanz von „Abartigkeiten" - gemeint ist Homosexualität - zur "Freigabe des Kindersex" führe; da wird gegen den "Verfall der Sprache" gewettert und möchtegern-ironisch gegen "Neusprech" (aus "Ablehnung von Minderheitensonderrechten" (!) werde "Diskriminierung" und aus "Selbstbestimmungsrecht des Volkes" "Nationalismus"), und alles wird mit eingestreuten Zitaten von Mahatma Ghandi, Helmut von Moltke und aus der Charta der Menschenrechte drapiert.

Auch die Linkliste spricht Bände: Neben der „Deutschlandbewegung - Frieden 2000" kann auch die „Junge Freiheit" direkt angeklickt werden.

Einen virtuellen Bund gibt es (noch) nicht, wenngleich dessen Gründung kürzlich auf der neulich erwähnten Pfadi-Mailingliste (siehe auch http://dpsg.maindata.de/pfadiliste/index.html vorgeschlagen wurde, wohl aber ein virtuelles Pfadfinderheim. Dies befindet sich in der Lindenstraße 3, Wohnung 135, der virtuellen Funcity von Radio FFN und Radio Hamburg zur Zeit nicht erreichbar, bietet aber nicht viel mehr als eine Mailbox.

Zum Schluss noch ein kleiner Tip für alle, die sich auch beim Surfen ihre Privatsphäre erhalten und verhindern möchten, dass Seitenbetreiber durch den Login nicht nur IP-Adresse und Hostname des Surfers erhalten, sondern auch möglichen Zugriff auf Angaben über den benutzten Computer, den verwendeten Browser, die zuletzt besuchte Seite oder Elektropost- und Privatadresse haben:
Es gibt, sowohl fürs surfen, als auch zum mailen, so genannte Anonymisierer - Server, die als „Mittelsmann" zwischen Surfer und Seite bzw. Absender und Empfänger fungieren und sämtliche Daten für den jeweiligen Seitenbetreiber (oder e-mail-Empfänger) unkenntlich machen. Bespielsweise:
http://www.anonymizer.com/ - ein kommerzieller Server (5 $/Monat) für Web und e-mail, der aber auch eine bandbreitenmässig etwas schlechtere, kostenlose Nutzung gestattet.

Es gibt haufenweise Anonyme Remailer zweierlei Sicherheitsstufen, mit denen anonymisierte mails verschickt werden können - da diese jedoch kommen und gehen, möchte ich hier keine Adressen nennen, sie könnten bis zum Erscheinen des STICHWORT bereits veraltet sein. Wer mehr wissen will, soll surfen gehen und hier anfangen: http://www.uni-siegen.de/security/ !

Ach ja: Zur Zeit sind die erwähnten Verfahren in der BRD völlig legal, die geplante Kryptoregulierung der Bundesregierung könnte sie allerdings für illegal erklären!

Für bündische und Pfadi-Seiten werden solche Sicherheitsmassnahmen i.a.R. nicht relevant sein, aber ein wenig Datensicherheit (oder Paranoia?) kann niemandem schaden.

mullo

Erstveröffentlicht in Stichwort 1/98

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