Virtuelle Lagerfeuer X:
 

Liederbücher im Netz also – eine nette Vorstellung: Kein langwieriges, platzraubendes und kostspieliges Ansammeln von papierenen Liedersammlungen mehr, kein hektisches Rumtelefonieren  vor der Gruppenstunde (‚Hast Du mal den Text von... , kannst Du mir das mal vorsingen und dann faxen?‘), kein mühseliges Abschreiben unleserlicher Texte aus in der Feuchtigkeit aufgequollenen Handmade-Liederbüchern mehr und vor allem – ein Ende der teilweise grausigen Umtextungen und Liedvergewaltigungen, die einem allenthalben begegnen, schließlich reicht es, eine Liederseite im WWW aufzusuchen, den echten, einzig wahren Originaltext zu speichern oder auszudrucken, idealerweise mit einem Anhang versehen, der über Autor von Text und Melodie, sowie den Sinngehalt des Liedes informiert.

Ach, die Welt könnte so schön sein. Ist sie aber nicht, die Realität sieht ganz anders aus. Zwar verzichtet kaum eine jugendbewegte oder pfadfinderische Netzpräsenz auf etwas, das sich Liederbuch, wahlweise auch Liedersammlung, Liederzettel, Liederschuh oder Liedersonstwas nennt, ein Besuch auf diesen Seiten ist aber meist eine herbe Enttäuschung.

Denn vor die Existenz einer  _wirklich_  brauchbaren Liedersammlung haben die Götter zwei Dinge gesetzt: Arbeit und Urheberrechte. Eine Auflistung der zahllosen Grausamkeitensammlungen erspare ich mir und Euch, aus Gründen, die ich gleich noch näher erläutere, allein die Symptome der Stümperei gilt es zu erwähnen.

Zunächst ist es die Auswahl der Lieder. Es findet sich allerorten eine zumeist sehr eingeschränkte Auswahl dessen, was die jeweiligen Seitenbetreiber als „unsere Lieder“ bezeichnen, eine abenteuerliche Mischung aus Pop, Rock, Volkslied und „Bündischem“. Von Nena über Uriah Heep zu „trad. irish“ und hin zu Alo Hamm.
Die grausamsten bekannten Textveränderungen („Lasst uns die Fahne, die Fahne und das Scheid“, „Dass uns die Fahne, die Fahne unterscheid´“, „Lärm war vor Pavia“, „ ... und ewig treibt hinfort das Mahl“... [1]) werden  übernommen und wenn es hoch kommt, sind den Texten Gitarrenakkorde beigefügt, Noten gibt es selten dazu.

Quellenangaben fehlen zumeist völlig, wenn vorhanden sind sie oft falsch oder gar gefälscht - in Ermangelung genauer Kenntnis wird da schonmal „Both sides the Tweed“ des zeitgenössischen schottischen Sängers Dick Gaughan zu einem „irischen Traditional“ umgedeutet und damit sozusagen für gemeinfrei erklärt.

Womit wir beim Thema Urheberrecht wären: Dass der in vielen (Papier)Liederbüchern von Bünden und Gruppen zu findende Hinweis „Keine Veröffentlichung im Sinne des Pressegesetzes – Nur zum internen Gebrauch“ ebenso abgelutscht wie falsch ist, sollte sich mittlerweile herum gesprochen haben.  Obwohl – wenn ich’s recht bedenke eigentlich nicht, denn selbst in neueren Publikationen findet sich dies immer wieder, also:

Das Werk eines Autors, und dazu gehören natürlich auch Lieder, ist bis zu neunzig Jahre nach seinem Tod geschützt. Zur Veröffentlichung dieses Werkes bedarf es also der Genehmigung des Autors selbst oder aber derjenigen, auf die die Rechte übertragen wurden bzw. nach dem Tod des Autors übergegangen sind. Und das gilt für jede Form der Veröffentlichung, egal ob auf Papier oder einem Speichermedium. Selbst die persönliche Weitergabe einer Kopie fällt nicht unter „privaten Gebrauch“.

Ich will mich an dieser Stelle nicht in weiteren, trockenen Details ergehen (bspw. Entwickelt die GEMA derzeit eine Strategie zur Wahrung der Rechte ihrer Mitglieder im Internet), das Internet, hier in Form des World Wide Web, ist jedenfalls kein rechtsfreier Raum und wer dort Urheberrechte verletzt, könnte in Teufels Küche kommen.

Nun kann man natürlich auf dem Standpunkt stehen, im jugendbewegte Bereich spielten solche „Details“ wie Urheberrechte keine Rolle – schließlich sind die Lieder von „unsereinem“ gemacht, um in den Gruppen zu leben, also gesungen zu werden und wandern sowieso von Gruppe zu Gruppe und von Liederbuch zu Liederbuch. Ganze so einfach sollte man es sich aber nicht machen. Zum einen gibt es Autoren und Bünde [2], die Wert darauf legen, dass ihr Liedgut eben nicht im WWW veröffentlicht wird, dies ist zu respektieren. Zum andern werden Lieder in der von mir bemängelten Darreichungsform, also oft fehlerhaft, unvollständig und ohne genauere (insbesondere Autoren-)Angaben zur Massenware degradiert und das haben viele davon einfach nicht verdient.

Ich habe bisher bewusst auf die Angabe von URLs verzichtet. Nicht deswegen, weil ausnahmslos alle Liedersammlungen schlecht, lieblos und rechtlich zweifelhaft sind. Es gibt durchaus vielversprechende Ansätze, einige habe ich in vergangenen Folgen der Virtuellen Lagerfeuer auch genannt, da müsst Ihr eben mal ins Archiv unter http://mullo.de schauen. Aber wirklich über jeden Zweifel erhaben ist keine, jedenfalls habe ich noch keine gesehen, und ich möchte die schlafenden Hunde nicht direkt auf deren Fährte bringen. Ich verfahre daher weitgehend nach dem Motto: Scire, tacere.

Drei Adressen kann ich an dieser Stelle aber nennen:

Der unter www.fahrtenlied.de erreichbare Fahrtenliederzettel zweier DPBler ist zwecks urheberrechtlicher Überarbeitung gegenwärtig ebensowenig zu erreichen, wie das Liederbuch des BdP-Stammes Cheyenne unter www.uni-paderborn.de/StudWeb/rubezahl/index.html. Das „Bündische Liederbuch“ von bengt (Graue Jungenschaft), in letzter Zeit ohnehin nicht mehr gepflegt, wurde gänzlich vom Netz genommen. Kein „bündisches“ Liederbuch, aber eine gut und sorgfältig gemachte Sammlung, die auch Lieder aus der Jugendbewegung enthält, findet sich hier: www.angerweit.tikon.ch/lieder/.

Zum Schluss noch eine Tip: Unter www.singewettstreit.de unterhält Fränz vom Bündischen Audio eine Übersicht über die Singewettstreite der „Szene“, Meldungen über Veranstaltungen sind ihm sicher jederzeit willkommen und eine Mitmachseite: Der Stamm Staufen im BdP kämpft derzeit um den Erhalt bzw. Ersatz seines Stammesheims. Unter www.stammstaufen.de/rev3/vote.html landet Ihr sozusagen in einem moderierten Gästebuch und könnt da Eure Meinung zum Thema bzw. eine Solidaritätsadresse abgeben. BTW Dieser Stamm arbeitet auch an einer WAP-Version (für Mobiltelefone) seiner Homepage, echt! www.stammstaufen.de/rev3/wap_seite.html.
 

mullo
 

[1] Doch, echt. Das gibt’s wirklich!
[2] Nun ja, genaugenommen ist mir bisher ein Bund bekannt, der aktiv gegen Veröffentlichungen vorgeht; den habe ich aber ob der internetkritischen Haltung seines Ritterkapitels schon benannt und muss das an dieser Stelle nicht wiederholen. ;-)