Virtuelle Welten I:
 

Achtung: Allen LeserInnen des STICHWORT, für die das Internet nur eine neumodische Spinnerei mit begrenztem Unterhaltungs- und noch geringerem Nutzwert ist, sei ich das sofortige Umblättern nahegelegt. Gleiches gilt für die immer noch zahlreichen „Bündischen", die Computer und alles, was damit zusammenhängt, für sophistisches Teufelszeug oder, das finale Argument schlechthin, für „unbündisch" halten. Auch diese Zeilen sind durch verschiedene Computer gelaufen, per e-mail verschickt worden etc. Womit ich auch gleich die Anglizismen-Hasser unter euch verschrecken muss. Ohne mich allzu sehr über die Sprache der digitalen Techniken und die Kinderkrankheiten einer gerade beginnenden neuen Sprachära zu verbreiten - auf überflüssige technische Termini und Erläuterungen werde ich versuchen zu verzichten - ganz ohne englische Begriffe geht's halt nicht. Die e-mail mag ja noch durch die Elektropost zu ersetzen sein, aber muss ich die Hardware wirklich Hartware nennen? Und was wird aus den top-level domains...?
Mensch muss kein Apologet des digitalen Autismus sein, um sich den virtuellen Welten des Inter- und anderer Datennetze vorurteilsfrei zu nähern, als dessen, was sie eigentlich sind: Gigantische und in weiten Teilen chaotische, gar anarchische Informationsquellen, Marktplätze der Information und der Kommunikation, mithin öffentliche Räume. Ob mit der rasanten Verbreitung des Zugangs zu diesen Quellen - hätte sich das Automobil vergleichbar entwickelt, würde ein PKW vom Zuschnitt eines VW Polo heute zwischen 10,- und 20,- Mark kosten und 100.000 km/h schnell sein -, mit dem Mediadigmenwechsel also, auch ein Kulturverlust einhergeht, ist umstritten. Ich persönliche neige zu der Ansicht, dass das klassische Printmedium, das Buch, die Zeitung, durch die Datennetze nicht verdrängt oder gar vernichtet werden wird. Das physische, für den Bibliophilen geradezu erotische Moment des Lesens eines guten Buches, lässt sich durch das Betrachten einer Webseite auf dem Monitor kaum ersetzen; wir sollten die Netze als Ergänzung betrachten und begreifen, als Möglichkeit, nicht als Muß.

Nun kann mensch mit dem Internet im hauptsächlich vier Dinge tun:

- Durch elektronische Post (e-mail) miteinander kommunizieren:
Die Elektropost ist (meistens) schneller als jede andere Post (snail-mail), ausser Texten können mit ihr auch digitalisierte Bilder und Dateien versandt werden. Dafür braucht mensch ausser dem Computer und einem Zugang zum Internet ein besonderes Programm, einen Mail-Client. Als Freeware, das heißt gratis, sind erhältlich und empfehlenswert Eudora light und Pegasus.

- An Diskussionsgruppen und Mailinglisten teilnehmen
Etwa 20.000 Diskussionsgruppen (Newsgroups) existieren derzeit im Usenet. Täglich fallen einige weg, andere kommen hinzu. Klatsch & Tratsch, Diskussion und Information - für jedes erdenkliche Thema gibt es mindestens eine Gruppe. Wer ein Windows-basiertes System benutzt, bekommt als nötiges Programm, genannt Newsreader, bspw. den Free Agent kostenlos.
Weiters gibt es die populären LISTSERV-Majordomo oder Mailbase-Listen. Sie funktionieren ähnlich wie die Newsgroups, die Diskussionsbeiträge werden hier allerdings per e-mail an einen zentralen Rechner (Server) geschickt und von dort an alle Teilnehmer weitergeleitet. Welche Diskussionsgruppen es gibt, erfahrt Ihr u.a. bei Tile Net.
Mailinglisten bieten die Möglichkeit, mit Dutzenden, Hunderten oder auch Tausenden anderer Menschen über die gleichen Interessen zu kommunizieren, sei es nun Bienenzucht, Hirnchirurgie oder die Pfadfinder. Sobald mensch einer mailing-list beigetreten ist, bekommt er/sie täglich Botschaften, auf die er/sie antworten kann - nicht muss. Die Teilnahme an solchen Listen ist kostenlos, kann aber viel Zeit verbrauchen, wenn mensch auf alles eingehen möchte. Welche Diskussion-Listen es gibt, erfahrt ihr beispielsweise bei NeoSoft. Die dort verwandte Abkürzen PAML steht für Public Accesible Mailing List.

- Im World Wide Web „surfen" und recherchieren, Nachrichten lesen, Reisen buchen   und einkaufen
Auch um im Web zu surfen, bedarf es einer geeigneten Software, eines so genannten Browsers. Der z.Zt. am meisten verwendete Browser ist der Netscape Navigator, dessen Beta-(Test)-Version frei erhältlich ist. Auch der Softwaregigant Microsoft hat einen Browser entwickelt, der zur Zeit kostenlos abgegeben wird, den Internet Explorer.
Der nach der e-mail zweithäufig genutzte Internet-Dienst ist das World Wide Web (WWW) - Multimedia, Information, Unterhaltung und Einkaufen in einem. Viele nationale und internationale Zeitungen und Magazine sind auf Webseiten vertreten, es gibt auch Publikationen, die nur im Netz erscheinen. Einen interessanten Überblick mit hunderten, auch ausgefallenen, Links bietet der Journalist Andrian Kreye auf seiner Homepage http://www.interport.net/~akreye/index.html.

Darüber hinaus gibt es Bibliothekskataloge, Datenbanken, Lexika und Wörterbücher zuhauf, die meisten sind kostenfrei - die ehrwürdige Encyclopedia Britanica allerdings ist bspw. kostenpflichtig.

- Dateien von anderen angeschlossenen Computern empfangen oder auf diese übertragen
Das Netz ist voll  von frei verfügbarer Software, Grafiken, Sound-Dateien, Tools etc. Durch die Verwendung des FTP (File Transfer Protocol) kann jeder Internet-Nutzer die Dateien auf seinen eigenen Rechner übertragen. Ein gutes, für den nichtkommerziellen Gebrauch frei erhältliches, Programm ist WS_FTP. Selbstredend sollte jede/r darauf achten, aus welchen Quellen er/sie Daten auf den eigenen Rechner überträgt - jeder Datentransfer birgt das Risiko in sich, auch Viren zu importieren. Programme also, die zunächst häufig unentdeckt bleiben, im Rechner aber irreversible Schäden anrichten können.

Nun ist das Hauptproblem dieses Artikels analog zu dem des Internet: Wie bekomme ich eine sinnvolle Ordnung in die unüberschaubare Datenmenge, kurz: wie unterscheide ich wertvolle, weil für mich verwertbare Information, von nicht verwertbarer, von Datenschrott? Es mag ja Menschen geben, die Befriedigung und Gewinn daraus ziehen, sich die Homepages (=Heimseiten) bäuerlicher Großfamilien aus Mittelwest - Kentucky anzuschauen, die per Kamera überwachten Kaffeemaschinen beim Brodeln zusehen möchten oder wissen wollen, wie der Erfinder der nicht rostenden Bratkartoffel heißt, aber der Einfachheit halber werde ich davon ausgehen, das dies nicht die Zielgruppe des STICHWORT ist.

Wenn wir nun davon ausgehen, dass es mir gelingt, die interessanten von den nicht verwertbaren Informationen, das Wissenswerte vom Datenschrott, mithin die Spreu vom Weizen zu trennen - alles dies kräftig durchzuschütteln und in einen Artikel zu pressen, ist nicht nur kaum möglich, sondern würde zu einer völligen Überfütterung führen und das Produkt zu ebenjenem machen, was wir vermeiden wollen - nicht verwertbare Information. Daher werde ich notwendigerweise eine subjektive Auswahl treffen müssen - diese zu objektivieren obliegt den LeserInnen.

Wie auch immer, die Zahl der im Netz vertretenen Bünde, Verbände und Gruppen jedenfalls ist schon schwer überschaubar; neben den großen Verbänden wie DPSG, VCP, BdP etc. und einzelnen Stämme, Sippen usw., sind dies auch kleinere und kleinste Bünde, etwa die Pfadfinder der Adventsjugend, der WVDB oder der Wandervogel Löwenritter.
 

Suchmaschinen:

Ein nahe liegender, leider unbefriedigender Weg in den Datendschungel sind die zahlreichen Suchmaschinen - die deutsche Ausgabe von Yahoo http://www.yahoo.de beispielsweise spuckt auf die Suchanfrage „Pfadfinder" sieben Kategorien und 74 Webseiten aus, beim Stichwort „Bündische" erhalten wir 8 Treffer, für „Jungenschaft" bekommen wir deren drei - es handelt sich allerdings dreimal um den DPB - und auf die Suchanfrage „Wandervogel" listet Yahoo eine Seite doppelt auf, die des „Bildungszentrum Torques", einer über den Förderverein Greif mit dem WVDB verwandten Einrichtung. http://members.aol.com/Torques/index.htm.

Die Deutsche Meta-Suchmaschine http://meta.rrzn.uni-hannover.de/, eine Suchmaschine, die wiederum andere Suchmaschinen „in einem Aufwasch" abfragt, gibt uns auf die Anfrage „Pfadfinder" insgesamt 87 Links, darunter allerdings auch eher obskure, wie den „Pfadfinder im Versicherungsdschungel" oder das „Videostudio Xanadu".
Für uns weitaus ergiebiger sind folgende Seiten:

Einen interessanten Überblick über „Jugendlinks" im Internet bietet der BDKJ http://www.uni-karlsruhe.de/~un7l/bdkj/Jugend. Insgesamt 486 Links, benutzerfreundlich kategorisiert u.a. in Ferienhäuser und Zeltplätze,  Pfadfinderbünde und -verbände, Politische Jugendorganisationen, Medien, Spiele, Mailing-Lists und Newsgroups. Apropos Spiele: Zur Zeit im Umbau befindlich (daher sind nicht alle Seiten jederzeit abrufbar), aber außerordentlich ergiebig, ist das Spieleverzeichnis des BDKJ Bildechingen http://www.grafikdruck.com/kjg/games/.

Ebenso hilfreich ist die Linkliste des Kleinen Komolzen http://www.komolze.de. In alphabetischer Reihenfolge werden hier zig Links zu Bünden, Verbänden und Einzelgruppen unter dem Titel „Pfadfinder im Internet" aufgelistet.

Weniger ergiebig war (02/00) bisher die Linkliste der „buschtrommel" http://home.t-online.de/home/buschtrommel/bt-links.html, sie ist nicht sehr umfangreich, linkt (=verweist) aber sinnvollerweise wiederum auf die BDKJ-Seite. Und nicht zuletzt deshalb existiert sie auch nicht mehr.
Wie sein Produkt, ist auch der ehemalige „Südmark" und jetzige „Verlag der Jugendbewegung" von Siddha über seine eigene Homepage erreichbar http://www.jugendbewegung.de/verlag. Neben einem Verlagsprofil könnt ihr hier die virtuellen und reellen Adressen verschiedener Redakteure erfahren, sowie die aktuellen Neuheiten des Verlages anschauen.
 
 

Newsgroups und Mailinglisten:

So zahlreich wie die Mailinglisten und Newsgroups, die sich mit dem Meta-Thema „Pfadfinder" befassen, so facettenreich sind auch die dort behandelten topics: Da ging es in jüngerer Vergangenheit unter anderem um die Vor- und Nachteile von Donnerbalken und Dixi, um den Bezug von Stoffabzeichen vom „Jamboree on the Web", um Verschwörungen der Lügenpresse, der Staatsanwaltschaft und konkurrierender Verbände gegen den PBS, da gibt es zum Gruppenheim umgebaute Bauwagen zu kaufen und es werden Schweizer Affen in größeren Mengen gesucht.

Hier eine Übersicht der Mailinglisten und Newsgroups:

Mailinglisten:

- Pfadi Liste: http://dpsg.maindata.de/pfadiliste/index.html E-Mail mit dem Text (nicht Subject/Betreff!) "subscribe pfadi-liste <Dein Name>"
an imailsrv@scoutnet.de schicken.
- Scouting-europe: scouting-europe@www-ifi.uni-muenster.de (wie oben)
- E-Scouts - Pfadfinder und Computer: E-Scouts@TCUBVM.IS.TCU.EDU (SUBSCRIBE E-SCOUTS name)
- J-Scouts (jüdische Pfadi-Liste)
Liste: j-scouts@shamash.nysernet.org
Server: listproc@shamash.nysernet.org
(subscribe j-scouts name)
- DPSG-Mailingliste: KUTSCHK@HRZ.UNI-KASSEL.DE
(subscribe DPSG-Liste) - Auch für Nicht-DPSGler offen
 

Newsgroups:

alt.scouting
de.soc.jugendarbeit
fido.ger.pfadfinder
nl.scouting (NL)
rec.scouting
rec.scouting.guide+girl
rec.scouting.issues
rec.scouting.usa (USA)
shamash.j-scouts (ISR)
uk.rec.scouting (GB)
can.scout-guide (CAN)
chile.scout (Chile)

Die Sprache der nationalen (deutschen) Listen und Newsgroups ist natürlich deutsch, stilistisch mitunter gewöhnungsbedürftig und gelegentlich mit netzspezifischen Kürzeln durchsetzt, etwa IMO für In my opinion oder SCNR - sorry could not resist. Dazu kommen dann noch elektronischen Varianten der Smileys: : ) - : ( - ; ) - etc.

In aller Regel wird in den Listen und Newsgroups auf „Netiquette" geachtet, das heißt, grob verletzende, zu persönliche, rassistische usw. Äusserungen sind tabu. Bei groben Verstössen gegen die „Netiquette" kommt es vor, dass die Tabubrecher ausgeschlossen werden. Einen solchen Ausschluss habe ich erst einmal erlebt: Auf der irtrad-list, einer englischsprachigen Liste, die sich mit traditioneller irischer Musik beschäftigt, hatte ein Instrumentenbauer einen anderen bezichtigt, sich abfällig über seine Instrumenten geäussert zu haben. Dem Angesprochenen platzte nach einigem Hin und Her der Kragen, und er beschimpfte seinen Counterpart auf reichlich üble Weise - was zu seinem sofortigen Ausschluss führte. Wie ihr seht, auch das Netz ist voll der Wunderlichkeiten, die menschliches Miteinander eben so birgt.

Auf den internationalen lists und groups wird englisch gesprochen, es sei denn, das topic ist ein sprachspezifisches, etwa Latein. Es muss jedoch niemand, der des Englischen nicht so perfekt mächtig ist, fürchten, wegen seines pidgin verlacht zu werden - die Gemeinde ist da sehr tolerant!

Da dieser Artikel langsam auszuufern droht, will ich hiermit enden. Verschafft euch Zugang zum Netz, achtet auf eure Telefonrechnungen und geht surfen! Probiert es einfach aus - wenn es euch kein Vergnügen bereitet, lasst es halt, aber probieren geht eben manchmal doch über studieren.

Zum Ende möchte ich allerdings noch drei traditionelle Medien, Bücher nämlich, empfehlen:

Für Internet-Anfänger: Levine, John R./Baroudi, Laura: Internet für Dummies; Intern. Thomson Publications, Berlin; 39,80
und: Sander-Beuermann, Wolfgang/Yanoff, Scott: Internet kurz & fündig; Verlag Addison Wesley Longman, Bonn; 39,80
Und, zur Bestätigung, für Kulturpessimisten: Birkerts, Sven: Die Gutenberg-Elegien. Lesen im elektronischen Zeitalter; S. Fischer Verlag, Frankfurt/M.; 34,-

mullo

Erstveröffentlicht in STICHWORT  4/97

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