Schon der Titel ist natürlich frech. Aber genau das sollte er wohl auch sein, schliesslich ist Dietrich Schwanitz derjenige ehemalige Professor für Anglistik aus Hamburg, der mit seinem Roman "Der Campus"  bundesrepublikanische Bildungszustände dem Gelächter preisgegeben hat und er passt so herrlich in den lauter werdenden Chor derjenigen, die einen verbindlichen Bildungskanon fordern. Nun mag diese Forderung angesichts der um sich greifenden telegenen Unbildung ("Hier werden Sie geholfen") nachvollziehbar sein, ob dieses Buch aber einen Beitrag zur Volksbildung leistet, möchte ich bezweifeln.

Aber zunächst zurück zum Inhalt:

In seinem Einleitungs-Pamphlet über den "Zustand der Schulen und des Bildungssystems"  richtet er sich an die Adresse von Lehrern, Eltern und Politikern. Anschliessend schreibt er sich in einem Parforceritt durch den Grundstock des humanistischen Bildungsguts, bzw. dessen, was er dafür hält. Schwanitz galoppiert auf knapp 400 Seiten durch antike und christliche Mythologie, europäische und amerikanische Geschichte, durch Literatur, Kunst, Musik, Philosophie und Ideologien. Die Naturwissenschaften streift er nur am Rande, soweit sie Einfluß nehmen auf menschliche Weltbilder (oder einfach weil er sich seiner eigenen Defizite in diesem Bereich bewusst sein dürfte?).

Vierhundert Seiten also im bekannt-saloppen Campus-Ton, "Gezielte Respektlosigkeit" nennt er das selbst und sieht es als Teil der Strategie, die Bildung von ihren Sockeln und aus ihren Tempeln zu holen, um sie wieder allgemeinverständlich und lebendig zu machen.

Alles Quatsch. Schwanitz erzählt gerne und viel, aber in seinem Buch steht nichts neues und wenig originelles. Es ist in einem leicht bildungsbürgerlichen, etwas antiquierten, latent frauenfeindlichen aber stets non-chalantem Plauderton geschrieben, der Unterhaltungswert des Buches leidet aber unter haarsträubenden Fehlern, die ihm einfach nicht hätten unterlaufen dürfen. Die Erkenntnis, dass Nero Rom angezündet habe, bezieht  er wohl eher aus Hollywood-Filme, nicht jedoch aus Geschichtskenntnissen. Auch die Behauptung, daß Deutschland ausser Goethe keinen herausragenden Schriftsteller im europäischen Vergleich vorweisen könne, läßt nicht gerade auf Sachkenntnis schließen. Und Freud hat die Psyche auch nicht in Ich, Unbewußtes und Über-Ich eingeteilt, wie Schwanitz auf Seite 349 behauptet.

Aber es ist nicht alles schlecht - lesenswert ist etwa, wie er philosophische Theorien auf's Wesentliche kürzt oder als intellektuelle Moden entlarvt (Sätze wie "Wie Sie wissen, ist der Strukturalismus nur ein verkappter Neukantianismus", Seite 398), abstrakte musikalische Phänomene mit Bezug auf frühere Lebensweisen erläutert, den Zwang des "sakralen" Museumsbesuchs abschafft oder allgegenwärtigen und doch fernen Figuren der Zeitgeschichte ein Gesicht gibt.

An wen richtet sich nun aber das Buch, wer soll es kaufen? Der Abschnitt über die Bibel mag durchaus für Menschen geeignet sein, die die entsprechenden Geschichten noch nicht kennen. Aber ist es wirklich realistisch anzunehmen, daß jemand, der über so wenig Schulbildung verfügt, so viel Geld in Schwanitz' Buch investiert? Andere Kapitel wiederum (und vor allem eine Reihe von Randbemerkungen) setzen ein wesentlich größeres Vorwissen beim Leser voraus und von diesen darf man vermuten, dass sie weite Passagen des Buches eher langweilen.

Vermutlich zielt er auf Leute wie mich, Menschen die aus Gründen der Neugier mal eben 68,- Mark für ein, nebenbei bemerkt: schlecht lektoriertes Buch ausgeben, den Schutzumschlag verbrennen und sich nach der Lektüre nicht entscheiden können, ob sie das Buch nun überwiegend überflüssig oder als ein Stück Realsatire ganz witzig finden sollen.
 
 
 
Schwanitz: Bildung ... (Titel) Dietrich Schwanitz: Bildung - Alles was man wissen muss. - 540 Seiten Eichborn Vlg., Ffm. 1999; ISBN: 3-821-80818-7