Durch einen Gehirnschlag endete sein Leben - eigentlich. Zumindest sein bisheriges Leben. Ein Herz-Kreislauf-Zusammenbruch schaltete an jenem Tag seinen Hirnstamm ab, die moderne Reanimationsmedizin sorgt allerdings dafür, dass das nicht automatisch den Tod bedeutet. Als Bauby wieder zu sich kam, Wochen später, lag er bereits in einer Spezialklinik am Meer, wo ihm bald klar wird, dass er von anderen nur noch als eine Art „Gemüse“ betrachtet wird.
Vollständig gelähmt und unfähig zu sprechen hat er doch für einen "Locked-in"-Patienten richtig Glück - er kann nicht nur seinen Kopf etwas hin und her bewegen, sondern auch noch sein linkes Augenlid öffnen und schliessen. Das heisst, er hat, wenngleich die reichlich begrenzte, so doch immerhin vorhandene Möglichkeit, mit seiner Umwelt zu kommunizieren und entwickelt zu diesem Zweck ein eigenes Alphabet, in dem die Buchstaben nach Häufigkeit ihres Vorkommens in der Sprache angeordnet sind. Ich denke, ich muss das nicht weiter erklären, jedenfalls entschließt er sich, dieses Buch zu diktieren, um allen zu zeigen daß sein geistiger Zustand noch immer „dem einer Schwarzwurzel überlegen ist“.
Ohne dieses Buch würden wir Menschen wohl schlicht bedauern ob ihrer totalen Abhängigkeit und Hilflosigkeit. Bauby nimmt uns aber mit in eine Welt, die voller Leben, Phantasie und Humor steckt. Er verschweigt weder seine Verzweiflung noch seine Ohnmacht wenn sie bei allem Mühen darum, der Situation Lebensqualität abzuringen, plötzlich mit voller Wucht durchbricht, aber er tut dies ohne jegliche Lamoryanz und ohne appelierendes Gutmenschen-Gejammere.
Eigentlich müsste man das Buch lesen, wie er es erfand und schreiben liess - un-end-lich langsam. Zwischen seinem Erwachen in der Klinik und dem letzten Wort lagen 15 Monate. Aber das geht natürlich nicht. Die etwas mehr als 120 Seiten lesen sich selbst in gemächlichem Tempo mit Lesepausen in ein paar Stunden, aber jede Minute davon ist ein Genuß. Das mag mit Baubys Arbeitsweise zusammenhängen - er hatte das Buch bereits in seinem Kopf vorgeschrieben, bevor er es zu Papier bringen ließ, wodurch die Sätze ausnehmend pointiert, scharfsinnig, treffend sind.
Bauby starb übrigens wenige Tage, nachdem sein
Buch in Frankreich erschien und sich umgehend auf die Bestsellerlisten
katapultierte. Ein Teil des Erlöses geht an die A.L.I.S., die 'Association
of the locked-in syndrome'.
Jean-Dominique Bauby: Schmetterling und Taucherglocke.
Aus dem Französischen von Uli Aumüller, dtv 12565, 1.A. 1998.
ISBN: 3-423-12565-9, DM 14,90