Quoyle [1] ist ein Looser - jedenfalls betrachtet er sich selbst so und seine Umwelt tut dies ebenfalls. Er ist 36, gross, dick, ein unbeholfener und beruflich erfolgloser Tölpel. Seine Frau ist eine notorisch untreue Schlampe und doch liebt er sie abgöttisch. Sein einziger Lichtblick sind seine beiden Töchter. Den miesen Job bei einer Zeitung hat er gerade verloren, seine einzigen Freunde sind nach Kalifornien gezogen, die Eltern, die gerade Selbstmord begangen haben, hinterließen ihm nur Schulden und von seinem Bruder ist keinerlei Unterstützung zu erwarten.

Und als wäre dies nicht genug, brennt Quoyles abgöttisch geliebte Frau auch noch mit ihrem neuen Lover durch und die Tatsache, daß sie die Kinder mitgenommen hat, verstört Quoyle zutiefst - sie konnte die Kleinen nämlich nie leiden, war einfach nicht zur Mutter geboren. Da erreicht ihn die Nachricht - sie und ihr Liebhaber sterben bei einem Unfall, die Kinder, die sie an einen Pornofilmer verkauft hatten, jedoch wohlauf.

Glücklicherweise gibt es da jedoch noch eine Tante aus New York, die Quoyle überredet, einen Neubeginn in Neufundland zu wagen, jener unwirtlichen und doch wunderschönen Gegend, in der man von Hitze spricht, wenn das Thermometer die 20°-Marke überschreitet und aus der die Familie ursprünglich stammt. Die Bedingungen sind widrig und doch fasst Quoyle Fuß. Er, der das Meer fürchtet, wie der Teufel das Weihwasser, bekommt einen Job bei einer Provinzzeitung und betreut dort ausgerechnet die "Schiffsmeldungen", die er nach und nach zu einer Säule des Blattes ausbaut. Einen langen, eisigen Winter hindurch lernt Quoyle sich zurecht zu finden, mit dem Boot zu fahren, ohne zu kentern und fachgerecht Kabeljau auszunehmen; aus kauzigen Nachbarn werden Freunde, aus skurilen Fischgerichten Lieblingsspeisen und schliesslich lernt Quoyle auch, wie neufundländische Küsse schmecken ...
 

Es ist kein aufregendes, aber ein sehr schönes Buch, das weder auf die Tränendrüse drückt, noch mit Action aufwartet; Proulx hat nicht nur eine exzellente Beobachtungsgabe, sondern auch die Fähigkeit, diese Beobachtungen in grosser Selbstverständlichkeit auf zu zeichnen. Ihre Beschreibungen des harten Fischerlebens in Neufundland sind so präzise, als habe sie dort viel Zeit nur damit verbracht, den Leuten beim leben zu zu schauen.

Edna Annie Proulx (sprich "Pru") wurde 1935 in Connecticut als älteste von fünf Schwestern geboren. Ein Geschichtsstudium brach sie kurz vor ihrem Examen ab, sie arbeitete als Kellnerin und Postangestellte, später als freie Journalistin für Zeitschriften und Magazine. Daneben veröffentlichte sie Sachbücher zu Themen wie "Selbstgekelterter Apfelwein" oder "Kochen mit Molkereiprodukten". Erst der große Erfolg ihres Romans "Schiffsmeldungen", für den sie u.a. mit dem "National Book Award" und dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, machte sie finanziell unabhängig, so dass sie sich inzwischen ganz dem Schreiben widmen kann.

[1] Quoyle ist die alte englische Schreibweise für coil - Taurolle, eine flache, spiralige Rolle, über die man auf Deck eines Schiffes gehen und auf die man treten kann.
 

E. Annie Proulx: Schiffsmeldungen. Fischer Taschenbuch 1997, ISBN 3-596-13041-7, Preis 18,90 Mark

Weitere Bücher von ihr:

- Das grüne Akkordeon, Heyne Verlag 1998, ISBN 3-453-15009-0, 18 Mark

- Herzenslieder, List Verlag 1997, ISBN 3-471-78432-2, 29,80 Mark

- Postkarten, Fischer Taschenbuch 1998, ISBN 3-596-13042-5, 18,90 Mark

- Weit draussen. Geschichten aus Wyoming, Luchterhand Literaturverlag, ISBN 3-630-87039-2, 39,80 Mark
 

zurück