Der "andere" Teil der Insel
 

Kaum ein bündisches Fest, ohne dass Roddy McCorley mit der Pike in der Hand in die Schlacht zieht, die Black ´n Tans aufgefordert werden, sich einem ehrenhaften Kampf zu stellen oder Kriegsglocken über der Liffey läuten. Fragt man die SängerInnen nach ihrer Motivation, diese Lieder zu singen oder gar nach Inhalten, so sind die Antworten ebenso stereotyp wie einfältig: Das seien halt traditionelle irische Volkslieder, naja - ein bisschen martialisch vielleicht, aber das müsse man halt historisch sehen und das alles habe natürlich nichts mit dem Konflikt in Nordirland zu tun, von dem man immer in den Nachrichten hört und schon gar nicht mit der IRA.

 Alles Quatsch. Natürlich haben die Inhalte mit dem zu tun, was heute oft euphemistisch die "troubles" genannt wird, mit jener 1968 mit von sektiererischen Polizisten niedergeknüppelten Bürgerrechtsmärschen und Mordbrennereien loyalistischer Mobs beginnenden andauernden Phase des über 800-jährigen Konflikt zwischen Großbritannien und Irland. Und "Roddy McCorley", "Come out ye Black ´n Tans" und "The Foggy Dew" sind nach wie vor Kampflieder, je nach Gelegenheit aus der Musikbox gedudelt in Kneipen, in denen Donnerstag abends "An Phoblacht" verkauft wird, die Zeitung der Sinn Féin, des politischen Flügels der republikanischen Bewegung - oder selbst gesungen, als Zeichen der Standortbestimmung und der Abgrenzung zum politischen Gegner. Das in jugendbewegten Kreisen äusserst beliebte "Back home in Derry" gar, ist bei weitem nicht so alt wie die anderen angesprochenen Lieder und wurde von einem leibhaftigen "Terroristen" geschrieben: Bobby Sands, O/C (kommandierender Offizier) der IRA-Gefangenen in Long Kesh, kritzelte es auf einen Fetzen Toilettenpapier, der als Kassiber aus dem Hochsicherheitstrakt geschmuggelt wurde - Sands starb 1982, der erste von zehn nationalistischen Häftlingen, die zur (Wieder)-Erzwingung des Kriegsgefangenestatus´ im Hungerstreik umkamen. Tja - da bleibt einem der Tschai im Halse stecken, was?

 Nun verlangt niemand etwa von einem Horten- oder Sippenführer, der mit seiner Gruppe nach Irland fährt, aus dem Stehgreif die Geschichte des Konflikts in- und auswendig zu können, aber ein bisschen Beschäftigung mit Geschichte und Gegenwart gehört eben schon zu einer gelungenen Fahrtenvorbereitung. Ebenso wenig verlangen die LeserInnen des eisbrecher, hoffe ich, von mir, ihnen die Arbeit des Lesens und Nachdenkens abzunehmen, die Bücher und Dokumente über Nordirland gehen inzwischen in die Tausende, dennoch - ein Überblick in Kürze:
 

(1170 gelingt es den Normannen sich, 100 Jahre nach der Unterwerfung Englands, in der pale, der Gegend um Dublin festzusetzen - in der Folgezeit werden die anglo-normannischen Barone jedoch weitgehend gälisiert, d.h. sie nehmen irische Gebräuche und Sprache an, bis ihnen 1366/67 die Statutes of Kilkenny Mischehen und den Gebrauch der irischen Sprache verbieten. Das Gebiet der pale schrumpft dennoch ständig weiter, irische Sprache und Kultur können sich im Rest des Landes halten und erholen, bis 1536 die Act of Supremacy für das Gebiet Irlands übernommen wird und den englischen König zur obersten Autorität in allen weltlichen und geistlichen Fragen erklärt. Die Kleriker sind kaum bereit, mit dem Papst zu brechen, die Iren und die Olde English, die normannisch-stämmigen Siedler, geraten in scharfen Gegensatz zur Krone. 1608 beginnt unter Königin Elisabeth die plantation - die "Bepflanzung" Irlands mit loyalen, weil protestantischen Siedlern aus England und Schottland. Dabei kommt England der Umstand zugute, dass nach einem der vielen vergeblichen Aufstände der nordirischen Fürsten, diese sich 1607 ihrer drohenden Hinrichtung entziehen und aufs europäische Festland flüchten ("Flight of Earls"). Das führerlose Land hat der "Bepflanzung" durch Bankrotteure, säumige Schuldner und freigelassene Sträflinge, von Zeitgenossen als "Abschaum" bezeichnet, wenig entgegen zu setzen. Die brutalen Vertreibungen einheimischer Grundbesitzer und Bauern münden in einen Guerillakrieg und offene Aufstände um 1641. Die Rebellionen und die irische Unterstützung für den Stuart-König Karl I., veranlassen den Kanzler der kurzlebigen englischen Republik Oliver Chromwell zu brutalen Strafexpeditionen, die bis 1649 unter dem Motto "To hell or to Connaught" die Zahl irischer Landbesitzer östlich des Shannon gegen Null senken - etwa 500.000 IrInnen werden getötet, zigtausende Frauen und Kinder versklavt. Als mit Karl II. und Jakob II. wieder katholische Könige auf den englischen Thron kommen, schöpfen die Iren Hoffnung - vergeblich, denn 1690 schlägt der obskurerweise vom Vatikan unterstützte Protestant Wilhelm III. von Oranien in der Schlacht am Boyne (westlich von Drogheda) Jakob II. und sichert die protestantische Thronfolge in England.

 1695 erlässt er Strafgesetze gegen die Iren ("penal laws"): Kein Wahlrecht, keine öffentlichen Ämter, kein Landbesitz für Iren, Verbot irischer Sprache und Musik, keine Schulbildung, keine Priesterausbildung, d.h. kaum Religionsausübung. Im 18. Jahrhundert erlebt die anglo-irische Oberschicht eine Blütezeit und entwickelt, parallel zur Ablösung der nord-amerikanischen Kolonien vom englischen Mutterland, ein zunächst koloniales Selbstbewusstsein. Da irische Priester auf dem Kontinent ausgebildet werden, dort aber gegen Ende des Jahrhunderts die "Pest" revolutionärer Ideen um sich greift, wird in Irland das erste Priesterseminar in Maynooth, Kildare eröffnet und den Iren in begrenztem Umfang wieder Schulbildung, Landbesitz und schliesslich das aktive Wahlrecht für "Besserverdienende" gewährt. 1791 wir die Gesellschaft der United Irishmen gegründet, die sowohl Protestanten als auch Katholiken aufnimmt und die Loslösung von England, sowie die Trennung von Staat und Kirche fordert - ihr Vorsitzender ist der Protestant Theobald Wolfetone. Im Glauben an französische Unterstützung wagen die United Irishmen 1796-98 mehrere Aufstände ("Roddy McCorley"), die Hilfe bleibt jedoch aus, die Aufstände werden blutig niedergeschlagen, die Anführer hingerichtet. 1800 wird der Act of Union erlassen, das irische Parlament aufgelöst und die seit Heinrich VII bestehende interne Souveränität des Königreiches Irland aufgelöst. Allerdings gerät England zunehmend durch Daniel O´Connell unter Druck, einem adligen Katholiken aus Kerry, dem es mit verschiedenen Organisationen gelingt, hunderttausende katholischer Iren zu Massentreffen auf die Straße zu bringen; 1829 tritt die Catholic Emancipation in Kraft - Bürger aller Schichten können nun alle Ämter antreten - mit Ausnahme der Generalsränge, des Monarchen und des Statthalters von Irland.

 Kurz vor der Jahrhundertmitte bahnt sich eine neue Tragödie an: Missernten in den Jahren 1845-49 lassen die Bevölkerungszahl durch Hunger, Seuchen und Auswanderung von 1840 bis 1851 um zwei Millionen Menschen sinken. Während auf den Feldern Menschen krepieren, halten die Nahrungsmittelexporte nach England an. Ein erneuter Aufstand 1867 schlägt fehl, die irische Partei im Parlament von Westminster kann ihr Ziel der Home Rule, der irischen Selbstverwaltung auch nicht erreichen. Um die Jahrhundertwende gründen sich in Irland Bewegungen, die Wiederbelebung des keltischen Erbes fordern und fördern, etwa die Gaelic Athletic Association (Sport) und die Gaelic League (Sprache). Zu ihrem Sammelbecken wird die 1905 gegründete Sinn Féin ("Wir selbst"). Die Bewegung verfolgt neben dem Ziel einer unabhängigen Republik auch die Idee einer sozialistischen Gesellschaft. Im Gefolge der wachsenden Unterstützung für Sinn Féin beginnen die (überwiegend) protestantischen Anhänger der Union im Nordosten der Insel mit der Aufstellung bewaffneter Freiwilligenverbände, der Ulster Volunteer Force (UVF). Als Reaktion darauf entstehen auch auf republikanischer Seite bewaffnete Gruppierungen, die sich zu den Irish Volunteers zusammenschließen. 1913 wir trotz des unionistischen Widerstandes "Home Rule" Gesetz, die Selbstverwaltung Irlands also, wenn auch im Rahmen des britischen Weltreichs. Der ausbrechende Erste Weltkrieg verhindert jedoch das Inkrafttreten des Gesetzes und während viele Iren, Unionisten wie Republikaner, aus wirtschaftlichen Gründen für England in den Krieg ziehen, versuchen die Irish Volunteers und die Irish Citizens´ Army, unter der Führung des Sozialistenführers James Conolly und des Schriftstellers Pádraic Pearse, die Initiierung eines Volksaufstandes. Den Fall einer Niederlage gegebenenfalls als Blutopfer nutzen wollend, schlagen die Rebellen nach einer Reihe von Unstimmigkeiten und Illusionen, u.a. der Hoffnung auf deutsche Hilfe, am Ostersonntag 1916 los, besetzen das Dubliner Hauptpostamt und proklamieren die Republik ("The Foggy Dew"). Unterstützung aus Deutschland oder anderen Teilen Irlands bleibt aus, der Aufstand bricht nach einer Woche Belagerung zusammen, die Anführer werden erschossen. Pearse ist bereits so schwer verletzt, dass er zur Hinrichtung auf einen Stuhl gebunden werden muss - und nun passiert, was keiner mehr erwartet hatte: die irische Bevölkerung zeigt sich empört über die britische Gewalt und Sinn Féin, weder Initiator noch Träger des Aufstandes, kann die Empörung in der Folgezeit in Wählerstimmen umwandeln. 1918 gewinnt die Partei 73 von 105 "irischen" Stimmen in Westminster, 1919 treten die Abgeordneten als eigenständiges Parlament in Dublin zusammen und wählen eine provisorische Regierung unter Eamonn de Valera, dem Sinn Féin-Vorsitzenden. Die britische Regierung kümmert sich wenig um den dokumentierten Volkswillen, verhängt das Kriegsrecht über Irland und schickt irreguläre Truppen ("Black ´n Tans", nach ihren schwarzen und dunklen Uniformen). Was folgt sind zwei Jahre Krieg gegen die zur Irish Republican Army (IRA) fusionierten Irish Volunteers und Irish Citizens´ Army. Ein 1920 eingebrachter Kompromissvorschlag der Briten - Abtrennung des wirtschaftlich starken Nordostens mit einer relativen unionistischen Bevölkerungsmehrheit und damit das wirtschaftliche "Ausbluten" des Südens und die Beibehaltung eines militärischen Brückenkopfes - wird 1921 vom "Dáil", dem irischen Parlament, akzeptiert. Das britische Versprechen, eine unabhängige Kommission solle in Absprache mit der Bevölkerung den Grenzverlauf festlegen, wird gebrochen, die Grenze bleibt eine aufgezwungene.

Große Teile der IRA und die von der Willkürgrenze ausgegrenzten katholischen Nordiren akzeptieren die Teilung nicht, es folgen zwei Jahre Bürgerkrieg, den die Armee des Freistaates 1923 mit britischen Waffen gewinnt. In Nordostirland etabliert sich ein Aphartheitsstaat, der Rest der Insel bleibt "Freistaat" unter englischem Einfluss, mit englischen Flottenbasen. Erst 1949 werden die letzten Verträge mit England aufgekündigt, die Republik Irland ausgerufen. Nach erfolglosen Kampagnen gegen die völkerrechtswidrige Grenze verschwindet die IRA in der Bedeutungslosigkeit, die meisten Katholiken finden sich mit ihrem Schicksal ab - gelegentliche Pogrome und Vertreibungen mit Toten und Verletzten, massive Benachteiligungen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, ein absurdes Wahlrecht mit manipulierten Wahlkreisen und mehrfachem Stimmrecht für finanzstarke Protestanten.)
 

1967 entsteht nach Vorbild amerikanischer und kontinentaleuropäischer Studenten- und Bürgerrechtsbewegungen die NICRA (Northern Ireland Civil Rights Association), die mit friedlichen Mitteln die Benachteiligung der katholischen Minderheit beenden will. Unionistische Vereinigungen wie die des faschistoiden Predigers Ian Paisley greifen schnell zur Gewalt, um Protestmärsche zu verhindern, die parteiische Polizei schlägt sich im Wortsinne auf die Seite der Angreifer. Es kommt in der Folge immer häufiger zu schweren Unruhen, die katholische Minderheit beginnt, sich zu organisieren und zu verteidigen, verbarrikadiert ihre Wohnghettos. Die IRA existiert zu dieser Zeit faktisch nicht mehr, das Kürzel wird spöttisch mit "I run away" übersetzt. Der nordirische Statthalter ruft am 14.08.1969 die britische Armee zu Hilfe, die Truppen werden von der katholischen Bevölkerung zunächst als Befreier empfangen, zumal sie die verbarrikadierten Wohngebiete nicht sofort stürmen, die Bevölkerungsgruppen lediglich trennen. Die Ruhepause nutz die IRA sich zu reorganisieren und direkt zu spalten, in einen eher theoretisch orientierten orthodox-marxistischen Flügel (Official IRA) und, unter Führung eines in England geborenen Protestanten, in einen fruchtlose Ideologiedebatten ablehnenden und sich bewaffnenden Flügel (Provisional IRA) - die Sinn Féin macht diese Spaltung ebenfalls durch.

 Im Frühjahr 1970 dringt die britische Armee unter Einsatz von Panzern in die katholischen Viertel vor, unter dem Vorwand, nach Waffen zu suchen, obwohl es bis zu diesem Zeitpunkt keine bewaffneten Auseinandersetzungen gegeben hat. Das brutale Vorgehen und der Tod mehrerer Zivilisten sind Wasser auf die Mühlen der IRA. Es kommt immer häufiger zu Feuergefechten zwischen britischer Armee und IRA, deren beide Flügel inzwischen bewaffnet sind, oder Einheiten der IRA(s) und loyalistischen Mobs. Erst am 6. Februar 1971 töten Schützen der PIRA den ersten britischen Soldaten, am 5. August 1971 beginnen Internierungen: Verdächtige (=Katholiken) können ohne Gerichtsverhandlung eingesperrt werden, die nordirische Polizeireserve wird bewaffnet und ein einjähriges (!) Demonstrationsverbot verhängt. Die Demonstrationen gehen jedoch weiter und angesichts des Vorgehens der nordirischen Regierung mehren sich die Stimmen, die eine irische Vereinigung fordern. Am 30. Januar 1972 ermorden britische Fallschirmjäger in Derry 14 friedliche Demonstranten, darunter nur eine Frau, aber sieben Teenager. Die meisten Opfer wurden von hinten erschossen, einige während sie in Deckung krochen. Sie entsprachen dem Stereotyp eines IRA-Unterstützers, sie waren überwiegend jung, männlich und katholisch. Eine erste britische Untersuchung kam zu dem Ergebnis, die Soldaten hätten richtig gehandelt, ihr Kommandeur erhielt einen Orden. Erst vor wenigen Wochen, 1998 also, erklärte die britische Regierung, es werde eine neue Untersuchung der Ereignisse geben. Wer bis zum "Bloody Sunday" Illusionen über den Charakter des Konfliktes und der britischen Rolle darin hatte, verlor sie spätestens an diesem Tag.

 Noch 1972 wird die nordirische Provinzregierung suspendiert, Nordirland von London aus direkt regiert. In den folgenden Jahren scheitern sämtliche Versuche, das korrupte und sektiererische politische System Nordirlands zu reformieren an der Unfähigkeit der Konfliktparteien zur Zusammenarbeit oder dem Veto der (protestantischen) Loyalisten/Unionisten gegenüber einer Machtbeteiligung der (katholischen) Republikaner/Nationalisten. Gewalt scheint allen Beteiligten das probate Mittel zur Konfliktbewältigung.

Parallel zu einer erfolgreichen Kriminalisierungsstrategie setzt die britische Regierung vor allem auf massiven Militäreinsatz und die paramilitärische RUC (Royal Ulster Constabulary). Die britische Armee hat bis zu 18.000 Mann in Nordirland stationiert, darunter auch die berüchtigte Sondereinheit SAS. Soldaten mit geschwärzten Gesichtern, die sich in Hauseingänge ducken und gepanzerte Fahrzeuge gehören zum Strassenbild. Die Polizei, fast 13.000 Mann stark, besteht nach wie vor zu 94 % aus Protestanten und wird, zuletzt Anfang April 1998 von den UN, schwerster Menschenrechtsverletzungen beschuldigt. Vorwürfe von Folter, Einschüchterung von Zeugen und Rechtsanwälten und Kungeleien zwischen Polizei und loyalistischen Todesschwadronen sind nicht ungewöhnlich.

 Das bewaffnete Spektrum auf republikanischer Seite ist seit Beginn der Friedensverhandlungen 1997 etwas unübersichtlich geworden: Die OIRA hat ihren bewaffneten Kampf bereits 1972 aufgegeben, die größte aktive Gruppe ist die PIRA. Ihre Stärke liegt konstant zwischen 180 und 350 Freiwilligen, etwa 20 % davon sind Frauen. Auf die dreissig Konfliktjahre hochgerechnet bedeutet dies, dass etwa zehn bis zwölftausend IrInnen im aktiven Dienst der PIRA waren. Straffe militärische Organisation in Kleingruppen (Zellen mit 4-6 Angehörigen), konstanter Rückhalt in Teilen der Bevölkerung, militärisches Training in Jemen, Libanon, Libyen und Irland und ein Arsenal modernster Waffen bis hin zu Boden-Luft-Raketen ermöglichen ihr die Führung des Guerillakampfes bis hin zur Kontrolle ganzer Landstriche. Nach einer CIA-Studie gehört die PIRA zu den weltweit schlagkräftigsten Untergrundgruppen, die ihre Gefährlichkeit unter anderem durch die mehrfache Beschießung des Großflughafens Heathrow oder massive Autobomben im Zentrum Londons unter Beweis stellte. Ich will den terroristischen Charakter, den diese Organisation durch manche ihrer Aktionen demonstriert, nicht verhehlen; die Maßstäbe dessen, was unter "Terrorismus" zu verstehen ist, verwischen aber in Nordirland nur allzu leicht. Die PIRA hält sich nach wie vor an den zweiten, 1997 von ihr erklärten Waffenstillstand, den Friedensvertrag hat sie bisher weder angenommen, noch abgelehnt. Sinn Féin berät zum jetzigen Zeitpunkt ebenfalls noch über den Vertrag, der u.a. eine Teilautonomie für Nordirland mit parlamentarischer Komponente, engere Bindungen zur Republik, eine grundlegende Reform der Polizei, sowie die Entwaffnung der paramilitärischen Verbände vorsieht. Neben der PIRA gibt es noch die Irische Volksbefreiungsarmee INLA, eine eher planlos agierende Gruppierung von (bisher) etwa 20-30 Leuten, die den Friedensprozess ebenso ablehnt, wie ihr politischer Arm, die IRSP (Irish Republican Socialist Party). Es gibt Anzeichen dafür, dass Teile der PIRA mit dem Fortgang der Friedensgespräche unzufrieden, unter dem Namen CAC (Continuity Army Council) zwischenzeitlich wieder aktiv geworden sind. Die moderat-nationalistische Social Democratic and Labour Party (SDLP) unterstützt den Vertrag ebenso, wie die grösste Partei der Unionisten, die Ulster Unionist Party (UUP). Auf loyalistischer Seite gibt es verschiedene Terrorgruppen (UDA - Ulster Defence Association, UVF -Ulster Volunteer Force, UFF- Ulster Freedom Fighters, PAF - Protestant Action Force, LVF - Loyalist Volunteer Force...), die vorgeben, für Gott & Ulster und gegen das "papistische" Irland zu kämpfen. Ihre Zahlen sind schwer zu schätzen, ihre Mitglieder oft identisch, es gibt enge Verbindungen zu Polizei und britischer Armee - die Auswahl ihrer Opfer ist völlig willkürlich, das Motto scheint zu lauten "Nur ein toter Katholik ist ein guter Katholik!" Die zur Zeit gefährlichste dieser Gruppen ist wohl die LVF, eine vorwiegend in Mid-Ulster operierende Splittergruppe der UVF. Ebenso wie mehrere unionistische Splitterparteien, darunter die Ulster Democratic Party (UDP) des Predigers Paisley, hat die LVF dem Friedensabkommen bereits den Kampf angesagt. Vergangene Nacht hat ein Sprecher der LVF betont, die Gruppe werde weiter aktiv sein und während ich diese Zeilen schreibe, melden die Presseagenturen, dass in Portadown (Mid-Ulster) ein katholischer Arbeiter von einem mutmasslichen LVF-Killer erschossen wurde.

 Der ehemalige Führer der LVF, Billy Wright, von Freund und Feind "King Rat" genannt, ist exemplarisch für den Typus des bigotten Terroristen, den das sektiererische Nordirland hervorgebracht hat. Der vierfache Vater war nordirischer Protestant - und hat damit nichts gemeinsam mit dem toleranten Lutheraner mitteleuropäischer Prägung. Er war "wiedergeborener Christ" und damit Angehöriger einer Gruppierung, die wir wertneutral wohl als "Religiöse Sondergruppe" bezeichnen würden. In einem gemischt-konfessionellen Wohnviertel aufgewachsen, zum Hass erzogen, wuchs er zu einem abstinenten, nichtrauchenden Serienkiller heran, dem bis zu 42 teils bestialische Morde zur Last gelegt wurden. Er überlebte sechs Anschläge der PIRA, bis er Ende 1997 in einem nordirischen Hochsicherheitsgefängnis unter ungeklärten Umständen von Angehörigen der INLA erschossen wurde. Die Rache seiner Glaubensbrüder liess nicht lange auf sich warten, in den nächsten Wochen wurden zwölf katholische Zivilisten umgebracht. Insgesamt starben seit 1968 mindestens 3243 Menschen, Selbsttötungen aus Verzweiflung und ähnliche Todesursachen sind nicht berücksichtigt.

Wir werden den Volksentscheid am 22. Mai abwarten müssen, um beurteilen zu können, wohin der Weg für die Menschen Nordirlands führt. Bei einem derzeit zu erwartenden positiven Ergebnis, könnte Sinn Féin leicht die grösste Partei in einem Kommunalparlament werden - eine für die Vertragsgegner unerträgliche Vorstellung.

 Wahrscheinlich habe ich mit dieser sehr gerafften geschichtlichen Darstellung genau das Gegenteil von dem erreicht, was ich eigentlich wollte - euch dazu ermuntern, Nordirland nicht aus euren Fahrtenplanungen auszuschliessen, sondern ganz bewusst und gut vorbereitet auch dorthin zu fahren. Wahrscheinlich hätte ich besser daran getan, euch von den positiven Ansätzen zu berichten, von integrierten Schulen und Gemeindeprojekten, in denen Miteinander geprobt und gelebt wird, von community festivals, auf denen gemeinsam gesungen und getanzt wird, von der Gastfreundschaft, die der Reisende auch und gerade in dieser Unruheprovinz immer wieder erfahren kann. Sicher ist nicht jede Region für eine Fahrt geeignet; obwohl die grünen Hügel Armaghs oder Southdowns geradezu einladend sind, würde ich dort eher nicht querfeldein laufen, schon deshalb, weil die britischen Truppen dies auch tun und um nicht in eine Sprengfalle zu laufen. Aber die Fermanagh Lakelands oder die Nordküste Antrims mit Dunluce Castle, dem Giant´s Causeway und Bushmills, ja - da würde eine Fahrt kein Problem sein. Mit einer Horte 14jähriger würde ich West-Belfast definitiv meiden, schon der Unübersichtlichkeit wegen - aber die Jungmannschafts- oder Rovergruppe sollte die Gelegenheit nutzen, eine etwas andere Facette Westeuropas kennen zu lernen und die Bedenken über Bord werfen. Das Risiko in einer bundesdeutschen Großstadt überfahren oder überfallen zu werden, ist jedenfalls ungleich höher, als dort Opfer einer bewaffneten Auseinandersetzung zu werden. Ich hoffe, es tröstet und ermuntert euch, zu hören, dass bisher noch nie deutsche Touristen zu Schaden gekommen sind!

Anm.: Der Text wurde geschrieben für und veröffentlicht im 'eisbrecher' 2/98.

mullo
 

Buchtips:

 Peter Wuhrer: Sie nennen es Trouble - Nordirland. Reportagen und Geschichten aus einem Krieg. Rotpunktverlag, 1989. 268 Seiten, ca. 30,-

 Dietrich Schulze-Marmeling/Ralf Sotschek: Der lange Krieg. Macht und Menschen in Nordirland. Verlag Die Werkstatt, 1989. 380 Seiten, ca. 40,-