Carlo Maria Martini; Umberto Eco: Woran glaubt, wer nicht glaubt?
 

In der ersten Ausgabe der italienischen Zeitschrift liberal  begann im März 1995 ein öffentlicher Briefwechsel zwischen dem Professor der Semiotik an der Universität Bologna, Umberto Eco und Kardinal Carlo Maria Martini, Jesuit und Erzbischof von Mailand.

Die in vierteljährlichem Rhytmus entstandenen acht Briefe dieser Korrespondenz befassen sich mit philisophischen und ethischen Themen, die die Menschheit ausgangs des zweiten Jahrtausends beschäftigen (sollten). Aspekte des menschlichen Lebens, der Stellung von Mann und Frau in Gesellschaft und Kirche - Eco bedient sich hierbei ausgiebig bei Thomas von Aquin, sowie die Frage nach der Entscheidungsgrundlage des Menschen für seine Handlungen sind in den Mittelpunkt der Diskussion gestellt. Da beide Partner von unterschiedlichen weltanschaulichen Positionen ausgehend ihre Ansichten darlegen, entspannt sich ein höchst interessanter Dialog, der sich durchaus auf die als Buchtitel gestellte Frage zuspitzen läßt.

Beide Diskussionspartner versuchen, eine aus ihre Sichtweise heraus konstruktive Darstellung des jeweiligen Problems zu geben. In der Natur der gewählten Themen liegt es aber begründet, dass eine sogenannte objektive Darstellung unmöglich ist und eine deutliche Schwäche des Büchleins liegt darin begründet, dass Eco den ersten Brief zu schreiben hatte und sich damit eher in der Rolle des Fragenden befindet - Martini kann sich also nicht unwesentlich auf Antworten beschränken und nutzt diese Position zusätzlich, indem er teilweise ausweichend und schwammig schreibt. [1]

In Italien löste diese öffentliche Korrespondenz eine recht kontrovers geführte Debatte zu den in den Briefen zur Diskussion gestellten Themenkreisen aus. Stellvertretend für viele Meinungsäußerungen sind an den eigentlichen Briefwechsel anschließend die Beiträge von zwei Philosophen (Emanuele Severino, Manlio Sgalambro), zwei Journalisten (Eugenio Scalfari, Indro Montanelli) und zwei Politikern (Vittorio Foa, Claudio Martelli) angehängt und auch hier wieder hat Martini einen deutlichen Vorteil, da nur ihm im dritten Teil des Buches die Gelegenheit zu einer Replik gegeben wird.

Insgesamt hätte ein wenig mehr Schärfe auf Seiten Ecos dem Unterfangen sicher nicht geschadet - insgesamt betrachtet erschliesst sich dem Leser jedoch eine spannende, aufschlussreiche Diskussion zwischen zwei geistreichen Männern der Gegenwart, die einander mit großem Respekt begegnen und ihren öffentlichen Dialog als klassicshe Form der Äusserung geradezu zelebrieren.

[1] Ganz abgesehen davon, dass Eco Martini _sehr_ zurückhaltend angeht: Eingangs formuliert er etwas zu langwierig die Frage, ob er Martini beim Namen anreden dürfe (!) und baut Martini goldene Brücken, indem er (Eco) seine eigenen Fragen aus Sicht Martinis auch gleich selbst beantwortet.

Carlo Maria Martini/Umberto Eco: Woran glaubt, wer nicht glaubt? dtv 36160 ISBN 3-423-36160-3; 153 Seiten, DM 14,90

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