Dreizehn Deutsche Geschichten. edition Körber-Stiftung. ISBN 3-89684-322-2 DM 26
 

Es mag zunächst klingen wie ein Vorurteil oder ein abgedroschener Allgemeinplatz, ist es aber nicht. Ossis und Wessis sind verschieden. Nun sind dies aber Bayern und Friesen auch, und bei Lichte betrachtet, sind wir alle "verschieden". Die besondere Verschiedenartigkeit von Ost- und Westdeutschen liegt natürlich in den Verwebungen individueller Biografien mit dem jeweiligen Gesellschaftssystem bis 1989, aber auch in den unterschiedlichen Erfahrungen und Möglichkeiten danach.

Der Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis, nicht zur Nivellierung der individuellen Geschichte und Identität, liegt einzig in der Kommunikation, im Versuch das Andere am anderen zu erkennen, als Selbstverständlichkeit anzunehmen und nicht als trennend zu begreifen. Nur mit diesem Verständnis und der gegenseitigen Akzeptanz als Fundament kann es gelingen, Brücken zu bauen und die Zukunft als eine gemeinsame anzunehmen.

Im Jahre sieben nach der deutschen Einheit entstanden im Rahmen eines durch die Körber-Stiftung unterstützten Projektes der Dresdner Erzählwerkstatt die im angesprochenen Buch teilweise abgedruckten "deutschen" Geschichten; Lebensberichte von Ossis und Wessis und Ausländern (zwei Russen und eine Japanerin), von Systemkritikern und SED-Mitgliedern, die die Unterschiede aufzeigen, die in persönlichen Biografien (auch, aber eben nicht nur) durch die konträren politischen Systeme entstanden sind. Der Erzählwerkstatt und ihren TeilnehmerInnen ist es gelungen, Vertrauen zwischen allen Beteiligten aufzubauen - nur so wurden die Berichte möglich, denn weder Brüche noch Vorurteile, weder Konflikte noch Befremdungen wurden ausgespart. Den Herausgebern gelang es, den Spagat zwischen erzählter und aufgezeichneter Geschichte zu minimieren, mithin die Authentizität der individuellen Erfahrungen zu erhalten.

Dem Leser und der Leserin bietet sich nun die Gelegenheit, die oft nur verschwommen und unterschwellig weil nur mittelbar wahrnehmbaren Differenzen unmittelbar zu er-lesen, sich zum Nachdenken anregen zu lassen, Verständnis zu entwickeln und dieses Verständnis im zwischenmenschlichen Umgang umzusetzen. Und dies zu einem ausgesprochen leserfreundlichen Preis!

Übrigens treffen sich die Mitglieder der Erzählwerkstatt weiter und werden auch fürderhin von den Herausgebern begleitet, es besteht also Grund zur Annahme, dass ein weiterer spannender Band deutscher Geschichten entstehen kann.

 --- Winfried Ripp/Wendelin Szalai (Hg.): Dreizehn Deutsche Geschichten. Erzähltes Leben aus Ost und West, edition Körber-Stiftung 1998. ISBN 3-89684-322-2, DM 26. 420 Seiten illustriert mit Fotos

mullo       (Erstveröffentlichung in Stichwort 4/98)

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